Essen isst Religion

Warum es nicht um optimierte Ernährung geht – sondern um Freude am Essen! Ein Essay von Dr. Eckart von Hirschhausen.

Dr. Eckart von Hirschhausen

 

Glutenfreie Hostien“ – als ich dieses Schild an einer Kirche sah, postete ich es auf meiner Facebook-Seite. Prompt kam, ich würde mich über Patienten, die kein Gluten vertragen, lustig machen. Darf man im Rahmen einer Darmerkrankung von „Shitstorm“ reden?

Als Arzt habe ich mich nie über Patienten lustig gemacht; ich versuche im Gegenteil, sie zum Lachen zu bringen, weil ich davon überzeugt bin: Humor hilft heilen. Humor hat großen therapeutischen Wert für Körper und Geist – und umgekehrt ist Humorlosigkeit auch diagnostisch. Immer wenn Menschen über eine ihrer Überzeugungen keinen Spaß verstehen, ist das ein sicheres Zeichen, dass es nicht um Wissenschaft geht, sondern um Weltanschauung. Wissenschaft lebt davon, alles infrage stellen zu dürfen. „Nichts ist gefährlicher als die Weltanschauung von Menschen, die die Welt nie angeschaut haben“, traf Mark Twain den Nagel auf den Sturkopf.

Fakt ist, dass unser Essen in Deutschland so vielseitig, so sauber und so überwacht ist wie noch nie. Fakt ist auch, dass wir Deutschen inzwischen zu den übergewichtigsten Menschen der Welt gehören. Und dass wir meinen, das Essen ist schuld an allem.

Beim Flug in den Urlaub wurden mir im Bord-Shop Wattepads mit „Detox“-Effekt angeboten, die man sich unter die Fußsohle klebt, über Nacht würden alle Gifte des Körpers durch die Haut in die Watte wandern. Was in der Packungsbeilage nicht stand: Um welche Gifte sollte es sich handeln? Und angenommen, das Ding täte tatsächlich, was es verspricht, ist das Wattepad dann am nächsten Morgen so voll, dass es in den Sondermüll gehört?

Als Protestant beneide ich die Katholiken um einige Rituale, nicht um alle. „Detox“ ist Exorzismus auf weltlich. Die Idee, dass etwas Böses aus uns ausgetrieben werden muss, hat die Gemeinden der Besseresser ergriffen. Der Feind wurde nie recht dingfest gemacht, aber alle sind von seiner Existenz überzeugt. Die Maßnahmen, um ihn zu vertreiben, müssen drastisch sein, früher durch physische Schmerzen, heute nur noch durch schmerzhaft überhöhte Preise.

„Frei von“ fast allem

Wenn es allen Diätratgebern, Ökotrophologen und Gewichts-Beobachtern zum Trotz so wenige Menschen gibt, die dauerhaft abnehmen oder gesund sind, aber immer mehr, die dauerhaft mit sich unglücklich sind, erinnert mich das an Paul Watzlawick: „If some-thing does not work, do something different.“ Wenn das Pferd tot ist, steig ab!

Haben die Ernährungswissenschaften womöglich kollektiv auf das falsche Pferd gesetzt? Vielleicht weil es gar nicht um „vernünftige Ernährung“ geht, sondern ums Essen mit Freude? Und mit Freunden? Nicht was wir essen, macht uns dick, sondern das Wie! Es gibt Menschen, die unter Stress abnehmen, die meisten aber nehmen unter Stress zu. Wer ständig mit schlechtem Gewissen herumläuft, tut sich darum keinen Gefallen, im Gegenteil.

Gefallen am Essen zu finden, herauszuschmecken, was dem Körper guttut, unabhängig von Diäten und Ideologien, lautet die einfache und zugleich revolutionäre Lösung – statt ewig darüber zu diskutieren, was denn nun gesünder sei, drei Vierkornbrötchen oder vier Dreikornbrötchen. Wenn die Bauchdecke spannt, helfen gemeinsam geübte Entspannungsverfahren mehr als asketischer Hüttenkäse!

Früher hat man gegessen, um satt zu werden. Oder um die Freude miteinander zu teilen, dass etwas zu essen auf dem Tisch steht. Heute muss Essen mich „verbessern“. Es darf keine Kalorien enthalten. Keine Konservierung. Und vor allem: Es darf keinen Spaß machen! Essen ist heutzutage „frei von“ fast allem. Vor allem von Sinn im Sinnlichen.

Was macht eigentlich ein Veganer, wenn ihn die Fleischeslust packt? Und warum kommt das alte Wort „Sünde“ nur noch im Kontext von Sahne vor? Vielleicht brauchen wir nicht mehr Verbote und Selbstkasteiung. Vielleicht brauchen wir mehr Fragen, mehr Gefühl, mehr Auf- und In-uns-Hören. Probieren Sie doch das nächste Mal, wenn Sie gerade dabei sind, sich etwas in den Mund zu schieben, nur diese eine Frage mit einem klaren Ja zu beantworten: Möchte ich daraus bestehen?

Text: Dr. Eckart von Hirschhausen // Bildrechte: Frank Eidel

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