Gute Aussichten

Ein Mann mit einem Mikroskop 

Der demografische Wandel – eine Bedrohung für unsere Gesellschaft und Art zu leben? Im Gegenteil: Für den Bevölkerungsforscher James W. Vaupel ist es eine Chance, dass wir immer älter werden. Wir müssen sie nur nutzen.

Schon im 16. Jahrhundert wartete der Renaissance-Gelehrte Luigi Cornaro in seinem Buch „Die Kunst, lang zu leben“ mit Ratschlägen auf, wie jedermann ein ähnlich hohes Alter wie er selbst erreichen könne. Ob Cornaro tatsächlich fast hundert Jahre alt wurde, wie er behauptete, oder am Ende seines Lebens doch eher respektable 81 oder 82 Jahre zählte, sei dahingestellt.

Das Geheimnis um die Langlebigkeit beschäftigt uns Menschen heute noch immer. Inzwischen ist es uns gelungen, die Grenze des (Über-)Lebens immer weiter nach hinten zu verschieben: Wir erreichen nicht nur ein höheres Alter, wir fangen auch später damit an, das Alter überhaupt zu bemerken. Unsere Lebenserwartung steigt linear an. Über eine natürlich vorgegebene Grenze, wie alt Menschen werden können, spekulieren wir bisher nur. Solange wir keine Beweise in der Hand haben, gehe ich davon aus, dass kein Ende in Sicht ist.

James W. Vaupel ist Professor für Demografie, Epidemiologie und Gerontologie sowie Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Der US-amerikanische Bevölkerungswissenschaftler ist im Mai 71 Jahre alt geworden.
James W. Vaupel ist Professor für Demografie, Epidemiologie und Gerontologie sowie Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Der US-amerikanische Bevölkerungswissenschaftler ist im Mai 71 Jahre alt geworden.

65 ist das neue 55, das zeigt das Sterblichkeitsrisiko: Für einen 55-jährigen Mann lag die Wahrscheinlichkeit zu sterben 1970 so hoch wie im Jahr 2014 für seinen zehn Jahre älteren Geschlechtsgenossen. In anderen Worten: Der heute 65-Jährige ist dem Tod so nah oder fern wie der 55-Jährige vor gut 40 Jahren. Von den 2010 in Deutschland geborenen Babys wird voraussichtlich die Hälfte ihren 102. Geburtstag feiern, in Japan könnte jedes zweite 2010 geborene Kind sogar das 108. Lebensjahr erreichen.

Wir leben nicht nur länger, wir bleiben auch länger gesund, dank guter Ernährung, gewachsenem Gesundheitsbewusstsein und besserer medizinischer Versorgung. Warum sollte eines dieser heute geborenen Kinder also mit 60 oder 65 in Rente gehen wollen?

Es könnte sich stattdessen dafür entscheiden, bis ins hohe Alter hinein zu arbeiten – und dafür das ganze Leben lang weniger Stunden pro Woche. Nehmen wir als Rechenbeispiel das kleine Volk der Dänen: Auf 5,6 Millionen Menschen kommen dort aktuell 3,8 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr – also eine Arbeitszeit pro Kopf und Woche von 13 Stunden. Aber tatsächlich arbeitet nur knapp die Hälfte der Dänen. Das bedeutet: Jeder, der arbeitet, ist im Durchschnitt 31,5 Stunden pro Woche beschäftigt – die Abweichung von der gesetzlichen Arbeitswoche erklärt sich durch Ferien, Feier- und Krankheitstage sowie durch Teilzeit-Arbeit.

Solange die Arbeitszeit insgesamt nicht zunimmt, gilt: Jeder einzelne muss weniger Stunden pro Wochen arbeiten, wenn eine höhere Zahl von Menschen – die Älteren eingeschlossen – insgesamt arbeiten. Wenn nur fünf Prozent mehr Dänen zur Arbeit gingen, läge der Durchschnitt nur noch bei 28 Wochenstunden. Wenn also immer mehr alte Menschen im Erwerbsleben bleiben, profitieren alle davon.

Heute arbeiten besonders die 25- bis 45-Jährigen hart und viel, in der Rush Hour des Lebens gründen sie Familien, heiraten, ziehen ihre Kinder groß – genau in der Zeit, in der sie auch noch um die Welt reisen, Zeit mit ihren Freunden verbringen und möglichst viel erleben wollen. Ich bin überzeugt, dass es für diese Menschen ein attraktives Angebot wäre, weniger pro Woche, dafür aber länger im Leben arbeiten zu müssen.

Wir müssen von der erstaunlichen Erkenntnis ausgehen: Der Alterungsprozess ist nicht für alle Lebewesen unvermeidlich. Wir Menschen sind sozial, viel sozialer als andere Lebewesen. Wir helfen uns und sorgen füreinander – in allen Lebensphasen, aber besonders in der Kindheit und im Alter. Das bringt uns weiter, und so werden wir immer mehr zu Sonderfällen am Baum des Lebens – und das vor allem aufgrund des gesellschaftlichen Fortschritts, nicht dank der genetischen Evolution.

In der Öffentlichkeit dominiert die Diskussion darüber, wie eine Gesellschaft den ständig wachsenden Anteil von Senioren und Greisen verkraften soll. Dabei muss nicht mal der Pflegebedarf steigen, wenn die Verlängerung unserer Lebenszeit mit der gesunden Lebenszeit Schritt hält. Die Möglichkeiten, die uns ein längeres gesundes Leben bietet, werden viel zu oft vergessen. Mein Ausblick auf das 21. Jahrhundert ist positiv. Es gilt, die Chancen zu nutzen – auch dadurch, dass wir unser Leben anders planen und anders gestalten.

Text: James W. Vaupel // Bildrechte: GettyImages, James W. Vaupel

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