„Jede Zeit hat ihre eigene Komplexität“

Beatrice Guillaume-Grabisch und Helmut Maucher 

Leidenschaft für Ernährung, Innovationskultur und bleibende Werte: Nestlé-Ehrenpräsident Helmut Maucher und Nestlé-Deutschland-Chefin Béatrice Guillaume-Grabisch im Gespräch über die Herausforderungen der Zukunft.

GOOD: Herr Maucher, Nestlé feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. Fast die Hälfte dieser Zeit haben Sie das Unternehmen mitgeprägt. Wie hat Nestlé es geschafft, zu den seltenen Überlebenden seines Geburtsjahrgangs zu gehören?

HELMUT MAUCHER: Da will ich drei Kriterien hervorheben. Punkt eins: Kontinuität. Wenn die Führung von Nestlé an einem Tisch sitzt, kommen fast immer 100 Dienstjahre zusammen. Kontinuität ist heutzutage extrem wichtig, weil der technologische und gesellschaftliche Wandel ständig für kreative Unruhe und neue Meinungstrends sorgt. Punkt zwei: Nestlé ist schweizerisch geprägt …

Warum ist das bedeutsam?

Helmut Maucher seitliches Portrait
Helmut Maucher (88) ist seit dem Jahr 2000 Ehrenpräsident von Nestlé. Ab 1980 hat er die Nestlé AG als Generaldirektor, später als Delegierter und Präsident des Verwaltungsrats entscheidend mitgeprägt.

HM: Die Schweiz ist ein sehr kleines Land und deshalb vielleicht nicht so sehr von sich selbst überzeugt wie manch größeres Land. Die klugen Schweizer – und davon gibt es seit jeher viele bei Nestlé – haben immer schon genau beobachtet, wie die Welt um sie herum funktioniert und wie man sich in ihr behaupten kann. Der dritte Punkt: Langfristigkeit. Bei uns zerbricht sich die Führung ständig darüber den Kopf, was zu tun ist, damit Nestlé auch in 50 Jahren noch das führende Lebensmittelunternehmen der Welt ist. Viele andere Managementriegen ticken vor allem im Takt der Quartalsberichte. Ich würde es so ausdrücken: Wir denken vielleicht manchmal lange, aber dann gehen wir schnell.

Frau Guillaume-Grabisch, kann ein Unternehmen, das mehr als 80 Milliarden Euro Umsatz auf die Waage bringt, noch schnell sein? Riesen sind doch eher behäbig.

BÉATRICE GUILLAUME-GRABISCH: Vielleicht ist das im Märchen so. Die Realität bei Nestlé sieht anders aus. Nehmen wir die Erfolgsstory von Nescafé Dolce Gusto: binnen acht Jahren von null auf eine Milliarde Schweizer Franken Umsatz weltweit. Oder unsere digitalen Aktivitäten: Damit haben wir uns erst etwas Zeit gelassen, inzwischen aber haben wir in manchen Bereichen eine führende Position in der Branche: Unsere Verbraucherportale und Apps zu verschiedenen Ernährungsthemen sind attraktiv und populär. Mit unseren Lieferanten und Handelspartnern sind wir inzwischen ebenfalls digital vernetzt. Auch intern wird die Digitalisierung begreifbar und erlebbar: Mit der Einrichtung des Digital Acceleration Teams (DAT) im Frankfurter Nestlé Haus wird ein festes Experten-Team die Geschäftseinheiten bei digitalen Strategien und deren Implementierung unterstützen. Das DAT wird der Turbo für die digitale Transformation sein und den Dialog mit den Verbrauchern stärken.

Nestlé setzt seit einigen Jahren auch auf Health Science und Skin Health, Sparten, die laut Herrn Mauchers Nachfolger als Verwaltungsratspräsident, Peter Brabeck-Letmathe, „zwischen Food und Pharma“ angesiedelt sind. Sind Sie auf dem Weg zum Pharmakonzern?

HM: Unsere Basis bleiben Nahrungs- und Genussmittel. Natürlich verfolgen wir Trends in der Ernährung wie beispielsweise das steigende Gesundheitsbewusstsein. Darauf wollte Peter Brabeck-Letmathe hinweisen.

auf dem Tablett werden unter anderem Silbersprotten, japanischer Rettich, Algen, Tapioka und Süßkartoffeln aufgetischt
Béatrice Guillaume-Grabisch (51) ist seit Juli 2015 Vorstandsvorsitzende der Nestlé Deutschland AG. Vor ihrer Zeit bei Nestlé hatte sie unter anderem für L’Oréal und Coca-Cola gearbeitet.

BGG: Getreu unserem Leitmotto „Gesundheit, Ernährung und Wohlbefinden“ wandeln wir uns zu einem Unternehmen, für das Gesundheit immer bedeutender wird. Im Bereich Health Science entwickeln wir Produkte, die spezielle Ernährungsbedürfnisse berücksichtigen und daher etwa im Rahmen von Magen-Darm-Beschwerden, Nahrungsmittelallergien oder chronischen Erkrankungen eingesetzt werden können. Bei Nestlé Skin Health steht die Unterstützung und Wiederherstellung von Haut, Haaren und Nägeln im Fokus – die wiederum durch die Qualität der Ernährung beeinflusst werden. Da überschneiden sich unsere Kompetenzen.

Verlangen Verbraucher in Deutschland eher innovative oder konventionelle Produkte?

BGG: Beides. Sie essen natürlich weiter Traditionelles wie Nudeln, verlangen aber auch Neues. Unsere neueste Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“ zeigt mehrere Trends: So möchten die Menschen gesunde Ernährung und Ressourcenschonung kombinieren.

Kritiker werfen Fertiggerichte-Herstellern vor, an Wohlstandsleiden wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten mit schuld zu sein …

HM: Da muss ich mich wundern. Viele Nestlé-Fertiggerichte haben nicht mehr Kalorien als Mahlzeiten, die in heimischen Küchen zubereitet werden, und machen Lust aufs Kochen. Außerdem kann man den Etiketten genau entnehmen, was die Produkte enthalten. Wir geben den Verbrauchern jede Menge Informationen für einen ausgewogenen Konsum an die Hand.

Frau Guillaume-Grabisch, der wachsende Einfluss der Verbraucher ist ein Grund dafür, dass Topmanager heute sagen, Unternehmensführung sei komplexer geworden. Stimmt das wirklich?

BGG: Jede Zeit hat ihre eigene Komplexität. Heute trägt vor allem das hohe Tempo des technischen Wandels dazu bei und – bei Nestlé – die schiere Unternehmensgröße. Parallel steigt das Bedürfnis nach Vereinfachung, klaren Botschaften und stringentem Handeln.

Helmut Maucher seitliches Portrait
Helmut Maucher: „Das Topmanagement muss für eine offene Atmosphäre und ein Klima des Dialogs sorgen.“

Herr Maucher, ein Schlagwort der jungen Generation lautet „Work-Life-Balance“. Was verstehen Sie darunter?

HM: Dass der Maucher nach heutigen Maßstäben wohl längst tot sein müsste (lacht). Es ist immer eine Frage der Gewichtung. Die Familie war immer wichtig für uns. Für mich bedeutet Work-Life-Balance weniger die Balance von Arbeit und Freizeit. Sondern vielmehr: Je verantwortungsvoller der Job ist, desto mehr Interessen darüber hinaus muss man haben – Bildung, Familie, Politik, Soziologie, Psychologie und so weiter.

Frau Guillaume-Grabisch, zum Schluss: Welche Attribute von Nestlé verkörpert Herr Maucher für Sie?

BGG: Vor allem jene, die er auch in diesem Gespräch verkörpert hat: klares Denken und unmissverständliche Kommunikation. Es gibt große Denker, die sich nicht mitteilen können. Andere können hervorragend kommunizieren, vergessen dabei aber leider das Denken. Helmut Maucher kann denken und kommunizieren – und begeistert damit seit Jahrzehnten viele Menschen für den Way of Nestlé. Dafür sind wir ihm dankbar.

Das Gespräch führte Mario Müller-Dofel.

Bildrechte: Dominik Pietsch

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