Mündig oder Mündel?

Der Verbraucher zwischen Paternalismus und Selbstbestimmung: Georg Abel von der VERBRAUCHER INITIATIVE und Christoph Minhoff vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) im Gespräch.

Georg Abel und Christoph Minhoff im Gespräch

Der Verbraucher – wer ist das eigentlich? Und wie viel Schutz braucht er wirklich? Für die tägliche Arbeit von Georg Abel und Christoph Minhoff ist dieses unbekannte Wesen zentral. Für GOOD haben sie sich über ihre unterschiedlichen Sichtweisen ausgetauscht.

Herr Abel, können Sie Herrn Minhoff sagen, worauf er neben dem Geschmack achten sollte, wenn es um Lebensmittel geht?

GEORG ABEL: Vor allem darauf, viele regionale und saisonale Produkte zu essen. Und auch mal Fisch statt immer nur Fleisch. Bei der Auswahl sollte er die Haltungsbedingungen, also das Tierwohl, im Blick haben. Ich hoffe auch, dass er essbare Abfälle bewusst vermeidet: Wir werfen oft unnötig Lebensmittel weg.

Herr Minhoff, folgen Sie diesen Empfehlungen?

CHRISTOPH MINHOFF: Ich würde sie gerne tagtäglich umsetzen, genau wie viele andere. Nur passen sie häufig nicht in die Lebenswirklichkeit.

Wie sieht diese Lebenswirklichkeit aus?

CM: Eltern hetzen morgens in die Kita, dann zur Arbeit, in der halben Stunde Mittagspause müssen sie „draußen“ essen, weil die Firma keine Kantine hat, nach der Arbeit sammeln sie schnell wieder die Kinder ein … Wer findet da noch die Zeit, beim Metzger seines Vertrauens oder beim Gemüsebauern auf dem Land vorbeizufahren? Gut, dass man sich heute auch mit Convenience-Produkten ausgewogen ernähren kann.

GA: Um regionale und saisonale Qualität zu kaufen, muss ich keineswegs den Umweg zum Bauern aufs Land fahren. Der Supermarkt oder Bioladen nebenan hat davon auch etwas zu bieten.

CM: Es ist auch gut, diese Wahl zu haben. Mir geht es aber darum, die Leute nicht immer mit dem erhobenen Zeigefinger zu ermahnen.

Herr Abel, was haben Sie denn gegen Fertigprodukte?

GA: Auch die kosten Zeit, ehe sie auf dem Teller landen. In derselben Zeit könnten Sie auch frisches Essen zubereiten. Dass viel zu viele Menschen nicht wissen, wie das geht, ist ein Riesenproblem. Kinder sollten schon in der Schule lernen, wie sie ihre Pizza mit hochwertigen Zutaten fix selber zubereiten können. Das steigert auch die Wertschätzung für Lebensmittel.

CM: Da stimme ich zu. Ich möchte auch ein anderes Informationsdefizit in Sachen Nahrungsmittelproduktion ansprechen. Zum Beispiel weiß doch heute kaum jemand, was Haustiere von Nutztieren unterscheidet oder warum bestimmte Haltungsformen nötig sind. Die Hersteller unserer Nahrungsmittel und die Verbraucher entfremden sich. Das sorgt für eigentlich unnötige Fehleinschätzungen, zum Beispiel über Tierhaltungsformen, aber auch über die Nahrungsmittelqualität in unseren Supermärkten, die ja sehr hoch ist.

Angesichts dieser Informationsdefizite: Gibt es den viel gelobten mündigen Verbraucher also gar nicht?

Georg Abel und Christoph Minhoff stehen am Fenster
Christoph Minhoff: „Mir geht es darum, die Leute nicht immer mit dem erhobenen Zeigefinger zu ermahnen.“

GA: Erst einmal: Den Verbraucher gibt es sowieso nicht. Es gibt vielmehr multioptionale, widersprüchliche Individuen. Diese Verbraucher sind eine Herausforderung für Unternehmen und auch für Nichtregierungsorganisationen. Verbraucher formulieren ihre grundsätzlichen Anforderungen, dass sie Kinderarbeit ablehnen beispielsweise, angesichts der Vielzahl von Produkten mit ihren jeweiligen komplexen Lieferketten, der medialen Reizüberflutung und vieler weiterer Faktoren. Sie erwarten, dass Profis diese Aufgaben lösen. Anschließend wollen sie nur informiert werden, um daran – eventuell – ihren Einkauf auszurichten.

CM: Ich sehe das ähnlich wie Herr Abel: Den Verbraucher gibt es nicht. Es gibt solche wie mich, die ein großes Grundvertrauen in unsere Lebensmittel haben. Andere verhalten sich manchmal widersprüchlich und am Ende essen sie doch alles. Wieder andere wollen Veganer werden, weil das angeblich gesünder ist – und scheitern an sich selbst. Es klappt eben nicht immer, sich sinnvoll und ausgewogen zu ernähren. „Der Verbraucher“ ist ein abstrakter Begriff, der sich in der Realität in mannigfaltigen Unterschieden zeigt. Und „Mündigkeit“ setze ich mit Handlungs- und Geschäftsfähigkeit gleich. Im Endeffekt geht es bei unserer Diskussion um den mündigen Verbraucher, also um seine Urteilskraft und darum, ob er zu selbstbestimmtem Handeln in der Lage ist. Deswegen sollten wir die Kirche im Dorf lassen und den Verbrauchern einfach mal zutrauen, dass sie wissen, was ihnen wichtig ist. Schließlich bieten die Lebensmittelunternehmen jede Menge detaillierter Informationen. Wir sind weiter als die meisten anderen Branchen, die nicht so viele mediale Shitstorms erlebt haben. Leider fehlt es den Empörungswellen meist an Sachverstand und Ausgewogenheit.

GA: Genau diese Informationsflut sorgt aber oft für Irritationen. Wie aktuell sind die Informationen? Was bedeuten sie konkret für mich? Aus welchen Quellen stammen sie? Und welche Interessen haben die Absender? Fragen wie diese sind für Normalverbraucher kaum zu beantworten. Folglich handeln sie widersprüchlich und kaufen zum Beispiel Billigfleisch, obwohl sie kurz vorher in einer Umfrage für mehr Tierwohl plädiert haben.

Wie beurteilen Sie die Initiativen vonseiten des Verbraucherschutzes, der Politik oder der Industrie, den Verbraucher in die eine oder andere Richtung zu bewegen, zum Beispiel durch den Veggie Day, die Lebensmittelampel oder Verpackungshinweise?

CM: Unsere Aufgabe als Gesellschaft besteht darin, Menschen dazu zu befähigen, in Aktivität und nicht in Passivität zu leben, eigenständig zu handeln, aufgrund einer selbst getroffenen Entscheidung. Menschen dazu befähigen heißt nicht, sie mit viel zu vielen Vorgaben und Warnungen zu überfordern, sondern vielmehr, ihnen sachgerechte und fundierte Informationen zu liefern, echte Wahlmöglichkeiten und an ihren Bedürfnissen orientierte Alternativen aufzuzeigen. Weder Zwang wie ein fleischloser Tag in der Kantine noch eine Nährwertampel, die unvollständiges und falsches Wissen vermittelt, erfüllen diese Anforderungen.

GA: Einen vorgeschriebenen Veggie Day halte auch ich nicht für zielführend. Mir ist es zunächst wichtig, dass der Verbraucher beim Konsum die Wahl hat und für seine Entscheidung neutrale Hintergrundinformationen nutzen kann. Aber das ist kein Grund für die Unternehmen, sich auszuruhen. Sie müssen liefern, beispielweise mit höheren Branchenstandards und mit mehr Engagement, um die Lieferkette nachhaltig zu verändern. Der Einbindung der Zivilgesellschaft, etwa im Rahmen von anspruchsvollen Kooperationen mit Nichtregierungsorganisationen, kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Letztendlich kann im Einzelfall auch die Politik gefordert sein.

Viele Veränderungen bringt nur der wachsende Einfluss der Verbraucher ins Rollen. Wie beurteilen Sie diese zunehmende Verbrauchermacht, auch mit Blick auf die Zukunft?

GA: Wir Verbraucher sind in der Tat mächtiger denn je. Wir haben so viele Ernährungsoptionen wie nie. Die meisten neuen Produkte überleben nicht mal das erste Jahr im Supermarktregal, weil sie bei uns Verbrauchern durchfallen. Zukünftig werden wir noch individueller und mächtiger sein. Die Bindungsbereitschaft, beispielsweise an Einkaufsorte, wird nachlassen. Produkte werden sich in ihrem Zusatznutzen, zum Beispiel für ältere Konsumenten, stärker ausdifferenzieren müssen. Zunehmend kommt die Nachfrage aus anderen Teilen der Welt – und hier werden Veränderungen in der Lieferkette durchaus anders diskutiert.

CM: Die Verbraucher definieren sich immer häufiger über ihr Essen, sogar politisch. Die Unternehmen müssen heute viel mehr als noch vor zehn Jahren in Lebensstilen und Verbrauchertypen denken. Die Kunst dabei ist es, für alle Lebensstile die richtigen Produkte und – ja – Informationen zu bieten. Unverändert bleibt aber, dass weder der Bauer, der Lebensmittelkonzern noch eine Verbraucherorganisation darüber entscheidet, was im Supermarkt steht. Sondern alleine die Verbraucher. In welche Richtung sich die Konsumenten auch entwickeln werden – unsere Branche wird Antworten darauf finden: Den kritisch eingestellten Verbrauchern begegnet man mit Offenheit, den neugierigen Verbrauchern liefert man Innovationen, und für die zufriedenen ist es wichtig, dass Qualitätsstandards oberste Priorität haben.

Das Gespräch führte Mario Müller-Dofel.

Bildrechte: Norman Konrad

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