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Für Ayman Abiyad ist es mehr als ein Job. Vor zwei Jahren floh er vor dem Krieg aus seiner syrischen Heimat. Mit dem Ausbildungsplatz bei Nestlé in Hamburg will er sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. Ermöglicht wird das durch die Zusammenarbeit von Nestlé und der Initiative Joblinge.

Es liegt noch viel Arbeit vor ihm. Irgendwann soll aus dem groben Metallkotz, der in einem Schraubstock vor Ayman Abiyad eingespannt ist, ein kleines Kunstwerk entstehen. Ayman deutet auf das Musterstück, an dem er sich orientiert: einen Briefbeschwerer in Form eines Würfels, der schräg auf einer kleinen Metallplatte steht. „Mal sehen, ob ich das so gut hinbekomme“, sagt er und lächelt, während er den Metallklotz mit einer Feile bearbeitet.

Anfang August hat der 23-Jährige seine Ausbildung zum Elektroniker in der zentralen Werkstatt von Nestlé in Hamburg begonnen. Ein paar Dinge hat er seinen Mit-Azubis voraus. Metall mit Werkzeugen zu bearbeiten – das lernte er bereits als 14-Jähriger. Damals wurde er im Betrieb seines Onkels zum Goldschmied ausgebildet. Sieben Jahre lang fertigte er Ketten, Ohrringe und Armbänder an, die an Schmuckhändler weiterverkauft wurden. Aber dennoch beginnt für ihn hier auch ein großer Schritt in einem neuen Leben. Denn seine alte Arbeitsstätte lag in Aleppo.

Das Programm gibt es seit zwei Jahren

Ayman ist einer der Menschen, die im Jahr 2015 vor dem syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland flohen. Zu Nestlé kam er durch „Joblinge“ – eine Initiative, die gemeinsam mit Unternehmen und staatlichen Einrichtungen versucht, jungen Menschen mit schwierigen Voraussetzungen beim Einstieg in den Beruf zu helfen. Seit zwei Jahren gibt es das Programm „Joblinge Kompass“, das speziell auf Flüchtlinge ausgerichtet ist. „Die jungen Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und haben unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse. Darum brauchen wir Unternehmen, die eine große Auswahl an beruflichen Möglichkeiten bieten“, sagt Anja Meyfarth, die Hamburger Standortleiterin von „Joblinge“. „Gerade bei Nestlé arbeiten bereits Menschen aus vielen Nationen miteinander. Darum ist dies der ideale Platz für Ayman.“

Der junge Syrer verließ Aleppo, als mehrere bewaffnete Gruppen ihn bedrängten, sich ihnen anzuschließen. „Für wen hätte ich kämpfen sollen? Das sind doch auf beiden Seiten meine Brüder.“ Zuerst flieht er in die Türkei, wo ihm ein Onkel, der als Kaufmann viele Länder kennen gelernt hatte, rät, nach Deutschland weiter zu reisen. Ein Land, von dem Ayman keinerlei Vorstellung hatte: „Bayern München – das hatte ich mal gehört. Und Berlin. Aber ich wusste nicht einmal, was das ist.“ Heute weiß er, dass man hier viel Wert auf Regeln legt und wenig auf Gewürze im Essen. Dass die Menschen eine Sprache mit komischen Lauten sprechen. Und dass viele von ihnen dazu bereit sind, anderen zu helfen. Auch die deutschen Worte, mit dem man diese Art gut beschreiben kann, kennt er bereits: „Viele Menschen hier sind warmherzig.“

Syrischer

Aber der Weg hierhin war schwer. 20 Tage dauerte die Reise. Per Boot, zu Fuß, mit Autos, mit Bussen. Ayman übernachtete bei Regen in einem stockfinsteren Wald. Und traf an der ungarischen Grenze auf Zöllner, die Warnschüsse abgaben und mit Schlagstöcken auf Flüchtlinge einprügelten, die die Grenze überqueren wollen. Er schüttelt den Kopf, wenn er davon erzählt: „So etwas habe ich vorher noch nie erlebt.“

In Hamburg angekommen, beginnt er sofort Deutsch zu lernen und sucht sich eine WG mit deutschen Mitbewohnern. „Wenn die Menschen sehen, dass man ihre Sprache versteht, freuen sie sich. Das hat mich motiviert, weiter zu lernen“, sagt er. „Bei uns zuhause gibt es ein Sprichwort: Sprache ist der Schlüssel zur Welt.“

Die Hoffnung, in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, gibt er allerdings bald auf. „Es gibt hier kaum Arbeit für Goldschmiede“, sagt er. Einen der Gründe dafür sieht Ayman jeden Tag auf der Straße: „Die Frauen hier tragen einfach fast keinen Goldschmuck.“ Dafür kommt er mit Joblinge in Kontakt. Dort lernt er weiter Deutsch – und bekommt erst einen Praktikumsplatz bei Nestlé vermittelt. Bereits seit 2013 fördert das Unternehmen europaweit mit der „Youth Employment Initiative“ junge Menschen, vor allem Bewerber aus Regionen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit wie Spanien. 2016 erweiterte das Unternehmen dieses Engagement um „Nestlé hilft“ und übernahm eine Patenschaft für die Unternehmensinitiative „Wir zusammen“. Diese bietet Einstiegsqualifikationen, Sprachkurse, Praktika und Ausbildungsplätze für Flüchtlinge. Auch die Kosten für Sprachkurse übernimmt Nestlé.

Bei Ayman stimmt die Chemie. Seine Motivation und sein starker Wille waren spürbar und haben uns überzeugt. Marlies Lach, Ausbildungsverantwortliche im Nestlé-Chocoladenwerk

„Für uns ist entscheidend, ob jemand ins Team passt“, sagt André Goldenbaum, Personalleiter und Manager für Human Ressources bei Nestlé Hamburg. „Bei Ayman stimmte die Chemie“, ergänzt Ausbildungsverantwortliche Marlies Lach, „seine Motivation und sein starker Wille waren spürbar und haben uns überzeugt.“ Darum zögerten sie nicht, ihm zum August einen Ausbildungsplatz anzubieten. Eine Win-Win-Situation sei dies, sagt Lach: „Einerseits können wir helfen, andererseits hilft es uns, den wachsendem Mangel an Fachkräften zu begegnen.“

In der Hamburger Zentralwerkstatt kann Ayman wieder mit Werkzeug arbeiten. Ungewohnt seien für ihn aber die strikten Arbeits-Vorschriften, sagt er. „Es gab schon öfters Momente, an denen ich gewusst hätte, wie etwas geht. Aber dann sagte man mir: Das hast Du noch nicht gelernt, das darfst Du noch nicht.“ Schritt für Schritt will er die nächsten Ziele bewältigen: den Würfel, den Abschluss der Ausbildung, eine feste Stelle. Und später? Will er irgendwann zurück nach Syrien? Ayman zögert keine Sekunde: „Wenn es sicher ist: Sofort.“ Dann stockt er kurz. „Das soll nicht heißen, dass es hier nicht gut ist“, sagt er, fast wie eine Entschuldigung: „Aber die Heimat vergisst man nicht.“