Heinrich Nestlé: Ein Portrait

Heinrich Nestlé mit Reagenzglas 

Im Laufe seines Lebens wird Heinrich Nestlé vom Apothekergehilfen erst zum Produktentwickler und dann zum erfolgreichen Pionierunternehmer. Mit seinem „Kindermehl“ schafft er nicht nur den persönlichen Durchbruch, sondern hilft zudem, die hohe Kindersterblichkeit im Europa des 19. Jahrhunderts einzudämmen. Aber auch seine Mitarbeiter und die Bevölkerung am Genfer See liegen dem gebürtigen Frankfurter sehr am Herzen. So wird er zum Prototyp eines am Gemeinwohl orientierten Unternehmers. Noch heute orientiert sich der Weltkonzern Nestlé an dieser und anderer Maximen seines Gründers.

Die letzte Hoffnung für den Schweizer Säugling Jules Wanner stammt aus Deutschland. Sie heißt Heinrich Nestlé. 1814 in Frankfurt am Main geboren, lebt der gelernte Apotheker seit 1839 in Vevey am Genfer See. Anfang Oktober 1867 soll er den kleinen Jules, der einen Monat zu früh auf die Welt gekommen ist, retten. Weil es die Muttermilch und jede andere Ersatznahrung erbricht, ist das zwei Wochen alte Kind so schwach, dass es jeden Moment sterben kann. In dieser ausweglosen Situation erinnert sich der Lehrer Jean Balthasar Schnetzler, der die Familie Wanner kennt, an die Arbeit seines Freundes Henri Nestlé. So nennt sich der Erfinder und Apothekergehilfe, seit er sich in der französischsprachigen Schweiz 1839 niedergelassen hat.

Heinrich Nestlé als Junge 

Denn Henri Nestlé hat in seinem Labor gerade ein Kindernahrungsmittel aus kondensierter Alpenmilch, Kaliumbicarbonat und zwiebackähnlichem Brot aus Weizenmehl entwickelt, das er nach einem speziellen Verfahren herstellt. Dieses „Kindermehl“ kann als Ersatznahrung zur Anwendung kommen, da es der Muttermilch nach dem damaligen Wissensstand in den Hauptsubstanzen ähnlich war. Also bittet der Lehrer den Apothekergehilfen um Hilfe – und Nestlé zögert keine Sekunde. Er nimmt den Säugling bei sich auf und füttert ihn mit seinem „Kindermehl“, das er mit Wasser verdünnt. Mit Erfolg: Das Kind behält die neue Nahrung bei sich. Es schläft nun regelmäßig und wird immer kräftiger, bis es nach wenigen Tagen wieder ganz gesund ist.

Das Fundament für den größten Lebensmittelkonzern der Welt

Die Rettung des kleinen Jungen sprach sich am Genfer See schnell herum. Mütter, Hebammen und Ärzte wollten den Säugling sehen und Nestlés „Wundermittel“ selbst ausprobieren. Für den 53-Jährigen, dessen 200. Geburtstag im August 2014 gefeiert wird, war es der Durchbruch in seinem Leben. Das war Nestlé sofort klar: „Meine Entdeckung wird eine große Zukunft haben, denn es gibt bis jetzt kein Nahrungsmittel, das sich mit meinem Kindernährmittel vergleichen lässt.“ Also konzentrierte er sich von nun an voll und ganz auf die Produktion, den Verkauf und die internationale Vermarktung seines „Kindermehls“. „Das zeugt von Risikofreude und Unternehmergeist“, sagt Hans-Otto Schembs, Stadthistoriker in Nestlés Geburtsort Frankfurt am Main. Sein Mut zahlte sich aus: Mit seinem Unternehmen, dem er seinen eigenen Namen gab, legte er das Fundament für den heute größten Lebensmittelkonzern der Welt.

Dass Nestlés Erfindung dermaßen erfolgreich sein konnte, hing auch mit den Umständen seiner Zeit zusammen. In den europäischen Großstädten starb im 19. Jahrhundert fast jeder vierte Säugling in der Wiege. Schlechte hygienische Bedingungen, mangelhafte medizinische Versorgung und vor allem das fehlende Wissen über die Bedürfnisse von Klein- und Kleinstkindern sorgten für eine nach heutigen Maßstäben extrem hohe Mortalität. Nahm ein Säugling beispielsweise die Muttermilch nicht an, kam das seinem Todesurteil gleich. Eine adäquate Ersatznahrung gab es, zumindest in den Städten, nicht. „Wegen der mangelhaften Hygienebedingungen litten viele Mütter aber auch an Krankheiten, die ihnen das Stillen unmöglich machten“, sagt Albert Pfiffner, Nestlé-Archivar am Unternehmensstammsitz in Vevey. Aufgrund der verstärkten Industrialisierung waren zudem immer mehr Frauen gezwungen, durchgängig in den Fabriken zu arbeiten. Zeit, ihren Kindern die Brust zu geben, hatten sie keine mehr.

Auch Henri Nestlé erlebte am eigenen Leib, wie Kinder in seiner Familie starben. Sieben seiner 13 Geschwister waren tot, bevor sie erwachsen waren. Auch seine junge Frau Clementine, die Nestlé mit 46 Jahren heiratete, war als Tochter eines Frankfurter Armenarztes oft mit toten Babys konfrontiert. Obwohl ihre Ehe mit Nestlé kinderlos blieb, lag ihr das Schicksal von Kindern sehr am Herzen. Sie kümmerte sich um die Sprösslinge von Bekannten. Auch nahm das Ehepaar das Waisenkind Emma Seiler bei sich auf. Es kam zwar zu keiner offiziellen Adoption, Nestlé und seine Frau bezeichneten die kleine Emma dennoch auch außerhalb der Familie als ihre „Tochter“ und setzten sie in ihrem Testament als Haupterbin ein.

Tüftler mit Erfinder-Talent

Nestlé Fabrik Historisch innen
In Fabriken wie dieser stellte Nestlé das Kindermehl her.

Bevor er 1867 die Erfindung seines Lebens machte, kreierte Nestlé in Vevey seit Mitte der 1840er Jahre immer neue Produkte. So entwickelt er Kunstdünger, Mineralwasser, Liköre oder Flüssiggas. „Er hat sich selbst als ein Tüftler verstanden“, sagt Pfiffner. Und der Historiker Hans-Otto Schembs ergänzt: „Nestlé versuchte dabei immer, wissenschaftliche Erkenntnisse aufzunehmen und in neue Produkte zu verwandeln“ – eine Strategie, die der Weltkonzern noch heute verfolgt. Denn als Ausländer musste sich Henri Nestlé in der Schweiz zunächst jedes Jahr, später alle drei bis vier Jahre um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen. Grundvoraussetzung dafür war eine gesicherte wirtschaftliche Existenz mit einem geregelten Einkommen. „Er darf aber auch keinem Schweizer Konkurrenten in die Quere kommen“, erklärt Albert Pfiffner. „Denn dann hätte er das Land verlassen müssen“. Deshalb versuchte Nestlé, ständig neue Dinge zu erfinden, um keinem Schweizer Chemiker Anlass für eine Klage zu bieten.

Circa 1834 hatte er noch als Heinrich Nestle seine Heimatstadt Frankfurt am Main verlassen, um seine Ausbildung zum Apothekergehilfen im Ausland zu vervollständigen. Nach Jahren der Wanderschaft entschied er 1839, sich in Vevey niederzulassen. Eine Rückkehr ins reaktionäre Deutschland kam für den bekennenden Liberalen nicht in Frage: Schon 1833 wurden viele Gleichgesinnte, die sich im Zusammenhang mit dem Frankfurter Wachensturm gegen die autoritäre Politik des Deutschen Bundes erhoben, verhaftet. Auch die demokratische Revolution von 1848/49, deren Parlament in der Frankfurter Paulskirche tagt, scheiterte blutig.

In Vevey wurde er Gehilfe in der Apotheke von Marc Nicollier. Der führte ihn nicht nur an die wissenschaftliche Arbeitsweise und die Erkenntnisse von Justus von Liebig heran, sondern vermittelte ihm auch 1843 eine Gewerbeimmobilie: ein Wohnhaus mit angegliederter Mühle und Schnapsbrennerei. Sechs Jahre später richtete er sich dort ein Labor ein. Dort entwickelte der unermüdliche Tüftler seine unterschiedlichsten Produkte – und schließlich das „Kindermehl“.

Als Nestlé im Herbst 1867 sah, wie sein „Wundermittel“ beim kleinen Jules Wanner wirkte, setzte er alles auf eine Karte: Er stellte die Produktion seiner anderen Erzeugnisse ein und schaffte noch vor Ende des Jahres Maschinen zur Herstellung des „Kindermehls“ an. Muster seines Produktes schickte er an Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser in ganz Europa. Gleichzeitig beschrieb er sein „Kindermehl“ in Artikeln und Fachzeitschriften. Der große Aufwand des Unternehmensgründers lohnte sich: 1868 verkaufte die Firma 8.600 Büchsen „Kindermehl“, sechs Jahre später waren es bereits 670.000 Stück in 18 Ländern und auf fünf Kontinenten.

Vom Tüftler zum Unternehmer

Heinrich Nestlé Fabrik Luftbild 

Seit der Entwicklung des „Kindermehls“ wandelte sich Nestlé vom Tüftler zum erfolgreichen Unternehmer. Dabei bewies er auch Gespür für das, was wir heute als Marketing bezeichnen. „Er war seiner Zeit weit voraus, etwa indem er seinen eigenen Namen im Unternehmen prominent platzierte“, sagt Nestlé-Archivar Pfiffner. Von Anfang an hatte er den Erfolg seines Produktes und seiner Firma mit seiner Person verbunden. „Er garantiert für die Qualität seines Kindermehls mit seinem eigenen Namen“, ergänzt Pfiffner.

Binnen weniger Jahre gelang es Henri Nestlé, eine Weltmarke zu kreieren. Eine solche braucht heutzutage auch ein eigenes Logo. Nestlé hat das jedoch schon vor knapp 150 Jahren verstanden: Also nahm er das kleine Nest (Nestle) aus dem Familienwappen, bei dem ein Vogel in einem Nest sitzt. Allerdings veränderte er es, um einen Bezug zwischen Logo und „Kindermehl“ zu schaffen. So setzte er in das Nest drei Jungvögel, die von einem Muttertier gefüttert werden.

Portrait Heinrich Nestlé
Das Portrait zeigt Heinrich Nestlé um 1880.

Mit 60 Jahren ging Henri Nestlé, der Tag und Nacht für den Erfolg seines Unternehmens geschuftet hatte, in den Ruhestand. Eine soziale Verantwortung spürt er aber auch als Privatier. Wie er als Unternehmer seinen Mitarbeitern beispielsweise mehr als die meisten anderen Industriellen zahlte, so kümmerte er sich nach dem Verkauf seines Unternehmens Mitte der 1870er Jahre bis zu seinem Tod 1890 um die Bevölkerung am Genfer See: Mit einer großen Spende finanzierte er den Bau einer Markthalle in Montreux. Auch ließ er Wasserleitungen in seinem Alterssitz Glion errichten und sorgte für eine Straßenbeleuchtung. „Heute würde man ihn einen Social Entrepreneur nennen“, sagt Gerhard Berssenbrügge, Vorstandsvorsitzender der Nestlé Deutschland AG. „Ihm lag neben seinem Unternehmen und den Mitarbeitern immer auch das gesellschaftliche Wohl am Herzen.“ Dieser Philosophie bleibt der Weltkonzern bis heute treu.

Bildrechte: Nestlé Deutschland AG, Nestlé Historisches Archiv
Heinrich Nestlé im Werbespot zur Multi-Marken-Kampagne

Erste Nestlé Markenkampagne

Zum 150. Firmenjubiläum rückt Nestlé viele ihrer Marken erstmals in einer großen Multi-Marken-Kampagne ins Rampenlicht. Den Anfang machen Maggi, Thomy und Wagner.

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Nachhaltiger Erfolg

Sind Unternehmerwerte wichtig für den zukünftigen Erfolg? Anlässlich des 200. Geburtstags von Firmengründer Heinrich Nestlé und dem 100-jährigen Bestehen der Goethe-Universität diskutiert Nestlé mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft.

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Nestlé feiert ihren Gründer

Heinrich Nestlé ist am 10. August 1814 geboren. Zu seinem 200. Geburtstag präsentiert Nestlé unter anderem eine Museumsausstellung und ruft einen Wissenschaftspreis ins Leben.

Die Familie schaut gemeinsam fern.

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Was haben Zeichentrick-Figuren, junge Hausfrauen und professionelle Köchinnen gemeinsam? Sie waren alle Teil der Maggi TV-Spots. Doch Zeiten ändern sich und mit ihr auch die Werbung – im Inhalt und im Vertriebskanal.