Aus alt wird neu

Deutschland gilt als Recycling-Weltmeister. Doch die Tücken liegen im Detail

Eine Frau entsorgt eine Flasche  

Recycling ist ein nicht immer ganz trennscharfer Begriff. Dass bei den Verfahren die Vorteile für die Umwelt überwiegen, steht außer Frage. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, welche komplexen Spannungsfelder der Recycling-Kreislauf zwischen Unternehmensinteressen und Umweltfaktoren beinhaltet.

Wer stand noch nicht vor einer Abfalltonne und fragte sich: „Gehört das hier hinein?“ Nicht einmal die Farbgebung der Müllbehälter ist deutschlandweit einheitlich geregelt. Während etwa die grüne Tonne in Berlin für Glas vorgesehen ist, ist sie in Baden-Württemberg ausschließlich Verpackungen und Kartonagen vorbehalten. Für die Deutschen erfordert es daher schon einige Kenntnis, ihren Müll  immer korrekt zu trennen.

Oberstes Ziel sollte immer sein, so wenig Abfall wie möglich zu produzieren. Die Europäische Union macht klare Vorgaben, wie eine Abfallhierarchie aussehen soll:

  1. Abfälle vermeiden
  2. Verpackungen wiederverwenden
  3. Verpackungen recyceln
  4. Verpackungen energetisch verwerten
  5. Verpackungen beseitigen.

Von „Wiederverwendung“ sprechen Experten unter anderem bei Mehrwegflaschen. Für das Recycling sowie die energetische Verwertung müssen Verbraucher die Verpackungen über den gelben Sack entsorgen. Eine wichtige Voraussetzung, um die Stoffe zu verwerten, ist die möglichst sortenreine Sammlung der Wertstoffe. Dazu eignen sich vor allem Glas, Papier, Pappe, Eisen, Nichteisenmetalle und Kunststoffe.

Den Wissenschaftler des Öko-Instituts, Dr. Georg Mehlhart, verwundert es nicht, dass diese Differenzierungen nicht jedem Konsumenten klar sind: „Es findet bedauerlicherweise schon lange nicht mehr genügend Aufklärung zu Recycling statt, da man der Ansicht ist, dass die Deutschen bereits besonders gut informiert seien.“

Recycling schont globale Ressourcen

Zwei Arbeiter in einer Recycling-Anlage
In modernen Recycling-Anlagen sortieren Maschinen Materialien wie Altglas, Altpapier, Batterien, Bioabfälle, Elektroartikel, Hausmüll oder Verkaufsverpackungen bereits vor.

Eine bessere Kenntnis über die Abläufe und Auswirkungen von Recycling dürfte ein stärkeres Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen. Die in Deutschland seit Beginn der 1990er-Jahre gesetzlich vorgeschriebene Mülltrennung hat die Wiederverwertung von Materialien mit deutlich weniger technischem Aufwand möglich gemacht, da Altglas, Altpapier, Batterien, Bioabfälle, Elektroartikel, Hausmüll oder Verkaufsverpackungen bereits vorsortiert werden.

Zudem entlastet Recycling das Grundwasser. Vor Einführung der Mülltrennung wurde sämtlicher Müll auf riesigen Deponien gelagert, sodass schädliche Stoffe recht ungehindert ins Grundwasser gelangen konnten. Weiter lässt sich durch  die Verbrennung oder Vergasung von Abfallstoffen auch Energie gewinnen: Diese Art der Verwertung spart somit große Mengen an Öl und Gas ein.

Doch das deutsche Müllsystem ist durch seine unterschiedlichen Tonnen so kompliziert, dass die Menschen oft durcheinander geraten und Fehler beim Sortieren machen – und sei es nur bei der Frage, ob etwa die Pizzaverpackung in den „Gelben Sack“ oder in die Altpapiertonne gehört. Fehler, die Konsequenzen haben: Denn so gehen große Mengen an Rohstoffen für das Recycling verloren, und es können unerwünschte Stoffe in die neuen Produkte gelangen und deren Qualität mindern.

Kunststoffabfälle im gelben Sack, die nicht stofflich verwertet werden, wandern aber nicht zwangsläufig in die Müllverbrennung. Sie werden vielmehr größtenteils energetisch verwertet, etwa als Ersatzbrennstoffe für Zement- oder Kraftwerke. Das ist mit der üblichen Müllverbrennung, die vor allem der Beseitigung von Restmüll dient, nicht vergleichbar.

Spitzenreiter beim Kunststoff-Recycling

„Im internationalen Vergleich erreichen wir die höchsten Recyclingquoten bei Kunststoffabfällen – trotzdem setzen wir uns als Grüner Punkt dafür ein, weiter voranzukommen“, sagt Michael Wiener, CEO der Duales System Deutschland (DSD) Holding, Köln. „Dazu sind zwei Maßnahmen wichtig: Der Gesetzgeber muss die Recyclingziele, die schon seit 1998 gelten, deutlich erhöhen. Der Markt braucht dieses Signal, um sich weiterzuentwickeln. Zum anderen gilt es, mit den Produktherstellern das Design der Verpackungen im Hinblick auf die Recyclingfähigkeit weiter zu entwickeln.“

  • Sorgfältige Mülltrennung hat viele Vorteile für die Umwelt:

    1. Wenn Sie bei bestimmten Abfallstoffen nicht sicher sind, welche Tonne die richtige ist, fragen Sie ruhig bei der Stadt oder dem Wertstoffhof nach. Beachten Sie, dass etwa Sondermüll eine spezielle Entsorgung verlangt und keinesfalls in den Hausmüll gehört!
    2. In den Papiermüll gehören Papier, Kartonagen und Pappe. Für den Papiermüll gilt, dass der Abfall sauber sein muss. Tabu sind also Servietten, Papiertaschentücher oder Küchentücher, diese müssen in den Restmüll.
    3. In den Glasmüll gehören Flaschen und Gläser. Für Konservengläser gilt, sie ohne Deckel zu entsorgen. Außerdem wird hier nach Farben getrennt: also Weiß-, Braun- und Grünglas. Nicht in den Glasmüll gehören zum Beispiel Spiegelglas, Trinkgläser, Glühbirnen und Keramik.
    4. Alle anderen Verpackungen gehören in den gelben Sack. Dazu zählen Plastikflaschen, -folien, -becher, also alle Verpackungen aus Kunststoff. Ebenso Verbundmaterialien wie Verpackungen von Säften, Milch oder Kaffee sowie Verpackungen aus Weißblech oder Aluminium.
    5. Zum Bio-Müll zählen: Schalen von Obst, Gemüsereste, Kaffeesatz mit Papierfilter, gekochte Lebensmittel, Eier und Eierschalen, Brot- und Backwarenreste, Milchprodukte, Nussschalen und alle anderen Lebensmittel ohne Verpackung. Auch die festen, manchmal chemisch behandelten, Schalen von Zitrusfrüchten dürfen in die Biotonne, ebenso wie Naturrinde vom Käse. Ebenso Fleisch, Wurst und Fischreste, tierische Abfälle und Knochen, es sei denn, die zuständige Kommune legt etwas anderes fest. Seit dem 1. Januar 2015 wurde die Biotonne überall eingeführt. Damit erhalten alle Haushalte in Deutschland die Möglichkeit, ihre Lebensmittelreste ordentlich vom Restmüll zu trennen. Wer Bioabfall sammelt, reduziert seinen Restmüll deutlich, schont Umwelt und Geldbeutel!

 

Das Duale System Deutschland, auch der „Grüne Punkt“ genannt, ist Betreiber des verbreitetsten deutschen Recyclingsystems. Das Unternehmen betreibt seit 1991 ein bundesweit zugelassenes duales System (nach § 6 Abs. 3 der Verpackungsverordnung) zur Sammlung und anschließenden Verwertung von Verpackungsabfällen. Als Erkennungszeichen für die lizenzierten Produkte dient „Der Grüne Punkt“. Für diese eingetragene Marke müssen Unternehmen  Lizenzgebühren bezahlen.

Wie gut recyceln wir wirklich?

Trotz des Engagements von Organisationen wie dem Grünen Punkt sind die Angaben über Recycling- und Verwertungsquoten nicht gerade transparent: So gibt die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung die stoffliche Verwertung für Kunststoffverpackungen des privaten Endverbrauchs derzeit mit 58 Prozent an. Laut Eurostat wurden 2012 von den Kunststoffverpackungen in Deutschland jedoch nur etwa 49,5 Prozent recycelt.

Unterschiedliche Mülltonnen zur Entsorgung von Abfall
Die unterschiedlichen Müllbehälter verunsichern viele Verbraucher.

Betrachten wir die Statistiken des Bundesumweltministeriums, so verzeichnete Deutschland bei Kunststoffen über die letzten 20 Jahre hinweg eine zunächst schwach ansteigende Verwertungsquote von anfangs knapp über 10 Prozent bis hin zu 75 Prozent im Jahr 2010. Heute sind wir in dieser Statistik bei 99 Prozent angekommen. Das liegt daran, dass die meisten Müllverbrennungsanlagen in Deutschland das sogenannte R1-Kriterium erreichen – das heißt, sie gelten als Verwertungsanlagen.

Kunststoffverbrennung belastet die Umwelt

Die in diesen Anlagen verbrannten Kunststoffabfälle werden somit als verwertet gebucht. „Das sehe ich durchaus kritisch“, erläutert DSD-Chef Wiener. „Betreibt man eine solche Anlage mit Kunststoffabfällen, dann führt das in der CO2-Bilanz zu Belastungen. Die Verwertung von Kunststoffabfällen über den Gelben Sack spart gegenüber der Müllverbrennung fast 1,3 Kilogramm CO2 je Kilogramm Kunststoff. Und das, obwohl ein Teil der Kunststoffverpackungen im Gelben Sack als Ersatzbrennstoff verwendet wird – aber eben nicht in der Müllverbrennungsanlage.“

Das Recycling scheitert heute mitunter daran, dass ein Objekt nicht maschinell sortiert werden kann oder bestimmte Eigenschaften die Verwertung behindern. Das Engagement von Nestlé Deutschland gemeinsam mit dem Grünen Punkt zum Redesign der Nestlé-Verpackungen ist dabei wegweisend: Alle Verpackungen werden daraufhin überprüft, ob sie sich maschinell eindeutig sortieren lassen und welche Eigenschaften förderlich für das stoffliche Recycling sind.

Dazu wurden ein gemeinsamer Kriterienkatalog von Nestlé und dem DSD und ein vorgeschriebener Eco-Design-Prozess in der Verpackungsentwicklung aufgesetzt, um bestehende oder neue Verpackungen entsprechend einschätzen zu können. Das Ziel ist, bis 2020 alle Nestlé-Verpackungen für das stoffliche Recycling zu optimieren. In gemeinsamen Workshops erfahren die Nestlé-Verpackungsdesigner zudem, wie sich die Verpackungen in Sortierung und Recyclingprozessen verhalten und welche Einflussfaktoren dafür wichtig sind.

Bio-Verpackungen im Kommen?

Es gibt verschiedenste Bio-Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und biologisch abbaubar sind. Sie haben bislang jedoch erst einen sehr geringen Marktanteil erreicht – das Aufkommen im Gelben Sack ist so klein, dass sich etwa eine eigene Sortiermaschine dafür nicht lohnt.

Dr. Georg Mehlhart wünscht sich eine globalere Perspektive und sieht vor allem die Hersteller in der Pflicht: „Meines Erachtens ist es nicht ausreichend, dass die Hersteller fordern, die Abfallwirtschaft in allen Ländern solle so wie in Deutschland erfolgen. Vielmehr sollten sie für kurzlebige Verpackungen in Ländern, in denen das eben nicht funktioniert, verstärkt biologisch abbaubare Produkte entwickeln.“ Doch was wird die Zukunft bringen? Vielleicht verstärkt lokale Lösungsansätze, die für die jeweiligen Regionen und Länder zielführend sind – getreu dem Leitsatz „think global, act local“.

Fragwürdiger Wettbewerb mit der Müllverbrennung

Ballen aus Verpackung und zwei Arbeiter in einer Recycling-Anlage
Bis 2020 will Nestlé ihre Verpackungen für das stoffliche Recycling optimieren.

Kritisch zu betrachten ist auch der Wettstreit zwischen der Recycling-Branche und den Müllverbrennungsanlagen. Es gilt der bekannte Grundsatz: Was sinnvoll recycelt werden kann, darf nicht verbrannt werden. „Wenn wir an die Energiewende denken, ist das Verbrennen kein sinnvoller Weg“, gibt Öko-Institut-Wissenschaftler Mehlhart zu bedenken. „Dafür sind die Anlagen viel zu unflexibel.“

Die eigentliche Herausforderung im Zusammenhang mit der Energiewende bestehe darin, Energie (also Wärme und Strom) genau dann bereitzustellen, wenn sie gebraucht wird und keine erneuerbaren Energieträger dafür zur Verfügung stehen. Mehlhart: „Dazu sind die Müllverbrennungsanlagen derzeit nicht in der Lage.“

Der Markt der Müllverbrennungsanlagen leidet latent unter Überkapazitäten, die derzeit vor allem mit Gewerbeabfällen und mit Müll aus dem Ausland gefüllt werden. Der Restmüll in Deutschland selbst dagegen geht seit Jahren zurück. „Es muss und es wird in diesem Bereich zu einer Marktbereinigung kommen“, glaubt DSD-Chef Wiener. „Wir setzen uns dafür ein, weitere Abfälle in das Recycling einzubeziehen und die Recyclingziele zu erhöhen.“

Die Politik ist gefordert

Nachhaltige Stabilität erwartet der Chef des Dualen Systems, ebenso wie Nestlé Deutschland und viele weitere Unternehmen, von einer sogenannten „Zentralen Stelle“, die Rahmenbedingungen setzt und fairen Wettbewerb gewährleistet. „In anderen Märkten wie Energie oder Telekommunikation, in denen die Konkurrenten ein gemeinsames Netz nutzen, gibt es das schon lange“, so DSD-Chef Wiener. „Deshalb brauchen wir das derzeit diskutierte Wertstoffgesetz, um eine solche ‚Zentrale Stelle‘ einzuführen‘.“

Aktuell fordern vier Verbände, der Markenverband, der BVE (Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie), der HDE (Handelsverband Deutschland) und die IK (Industrievereinigung Kunststoffverpackungen) die Bundesumweltministerin auf, den aktuellen Entwurf des Wertstoffgesetzes vorzulegen. Sie wollen die Trägerschaft der „Zentralen Stelle“ übernehmen und ihren Aufbau und Betrieb gewährleisten.

Die neutrale „Zentrale Stelle“ könnte in einer Rechtsform wie etwa einer durch das Umweltbundesamt mit hoheitlichen Aufgaben ausgestatteten Stiftung organisiert sein. Qualitätsfragen sollten verbindlich durch einen Beirat geregelt werden. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, Vorgaben zu überwachen und bei Verstößen das Umweltbundesamt darauf aufmerksam zu machen – sozusagen eine offizielle Kontrollinstanz des Recyclings in Deutschland. Wie sie finanziert werden soll, wird sich im Laufe des Jahres klären. Nestlé und viele weitere Konzerne haben ihre Bereitschaft signalisiert, sich finanziell am Aufbau der Zentralen Stelle zu beteiligen.

Expertenteams der Verbände begannen jüngst mit der inhaltlichen Arbeit. Die designierte Projektleiterin der „Zentralen Stelle“, Gunda Rachut, erklärte, dass im nächsten Schritt die Konzepte für die Umsetzung erarbeitet werden. „Die Bundesregierung hat nun die historische Chance, eine wegweisende einheitliche Wertstoffentsorgung in Haushalten zu implementieren.“

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Recycling ist diesem Kollegen wichtig.

Verbesserungen auf hohem Niveau

Portionieren, Schützen, Transportieren: Verpackungen erfüllen viele Aufgaben. Doch beim Recycling sieht Nestlé – trotz der bereits heute geltenden hohen Standards – noch Optimierungspotenzial. Wie das Unternehmen seine Verpackungen immer weiter verbessert.