Die Burg des inneren Widerstands

Wie Work-Life-Balance Mitarbeiter zufriedener und Arbeitgeber attraktiver macht

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Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben ist entscheidend für Motivation und Produktivität von Mitarbeitern, die Work-Life-Balance ist zu einem zentralen Thema der Personalführung geworden. In der Praxis stellen sich hierzu ständig neue Fragen. Dürfen Chefs ihren Mitarbeitern das Gefühl vermitteln, ständig erreichbar sein zu müssen? Welche Vorteile hat das Telefon gegenüber der E-Mail in der Kommunikation? Und was haben Nestlé-Produkte mit der Zufriedenheit der Beschäftigten zu tun? Nestlé Deutschland-Personalvorstand Peter Hadasch gibt Antworten.

Die Grenzen von Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen immer mehr. Wie steht es da um Ihre eigene Work-Life-Balance, Herr Hadasch?

Peter Hadasch: „Meine persönliche Work-Life-Balance ist nicht so wahnsinnig ausgeglichen, also nicht vorbildlich (lacht). Aber wenn ich hier freitags rausgehe und eine Weile Auto gefahren bin, dann schalte ich ab. Sonntags bearbeite ich kurz meine Mails und kann danach auch gleich wieder entspannen. Dieses schnelle Ein- und Aussteigen ist eine Eigenschaft, die ich zum Glück habe – aber das ist nicht selbstverständlich. Wer mich dann abends nochmal anruft, tut dies in meiner Freizeit. Das stört mich. Und es ist auch wichtig, dass es einen stört! Das ist die letzte Burg des inneren Widerstands, und die sollte man nicht aufgeben.“

Worauf achten Sie persönlich im Umgang mit Zeit und Kommunikationstechnik? Muss man ständig erreichbar sein?

Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin
Peter Hadasch: „Wie es unseren Mitarbeitern geht, spielt eine sehr große Rolle für uns.“

„Ich halte das Telefon für eine ungeheuer geeignete Maßnahme, um Mitarbeiter vor unnötiger Erreichbarkeit zu schützen. Denn die Hürde, jemanden in seiner Freizeit anzurufen, ist sehr hoch. Jemandem aber am Sonntagvormittag eine Mail zu schicken, da gibt es überhaupt keine Hürde. Die wenigen Male, bei denen ich außerhalb der Arbeitszeit jemanden wirklich dringend erreichen muss, da rufe ich einfach an. Ansonsten ist es nicht so wichtig und die Mails können bis Montag warten.“

Dennoch kann es passieren, dass Mitarbeiter sich zu viel zumuten. Wo setzt Nestlé an, um das zu erkennen und gegenzusteuern?

„Als Arbeitgeber muss man Gelegenheiten schaffen, damit Mitarbeiter persönlich miteinander kommunizieren können, Treffpunkte anbieten oder Sport. Bei Nestlé wird in der Zentrale und in den Werken viel Sport gemeinsam betrieben. Das ist dann auch eine Gelegenheit, sich auszutauschen und Dampf abzulassen. Denn schwierig wird es, wenn man glaubt, mit einem Problem alleine zu sein. Macht man sich aber klar, die Kollegen haben vielleicht auch mal die Nase voll, dann wird es erträglicher. Dann kann man bei der Arbeit auch mal ‚Nein‘ sagen, wenn man sich überfordert fühlt – was auch wichtig ist.

Darüber hinaus schulen wir Führungskräfte ganz intensiv darin, Überlastung und Überforderung zu erkennen und die Mitarbeiter zu schützen. Manchmal vor den Erwartungen im Umfeld, manchmal aber auch vor deren eigenen Anforderungen. Wir fördern unsere Führungskräfte auch darin, die eigenen Signale im Umgang mit den eigenen Anforderungen zu erkennen und wahrzunehmen. Denn oft leiden Führungskräfte selbst unter den erwähnten Belastungen. Diese Wahrnehmungsfähigkeit von Vorgesetzen wird immer wichtiger und definiert zunehmend das Bild einer guten Führungskraft: Einen Motor immer hochtourig zu fahren, wird ihn nur kaputt machen, aber man kommt nicht schneller ans Ziel. Wenn man Menschen für sich beschäftigt, dann hat man auch Verantwortung dafür, was mit diesen Menschen passiert.“

Ein Kernpunkt für viele Arbeitnehmer ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ...

„Man muss das umdrehen: Was macht denn Arbeit und Familie unvereinbar? Oft ist es nicht allein die Arbeit, sondern die konkrete Arbeitssituation, also beispielsweise die Frage: Was macht man mit den Kindern? Diese Frage beantworten wir bei Nestlé, indem wir Kita-Plätze direkt im Unternehmen anbieten. Dadurch sparen die Mitarbeiter sich die Wege und der Stresspegel steigt nicht so hoch, falls es doch mal etwas länger dauert im Büro. Wir haben bei Nestlé außerdem ein sehr offenes Verhältnis zur Elternzeit, auch für Männer. Dazu müssen wir aber die Männer noch mehr ermuntern, denn wir haben Interesse daran, dass sie das Angebot zu gleichen Teilen wahrnehmen wie die Frauen.“

Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin
Nestlé unterstützt ihre Mitarbeiter dabei, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Was sind denn die Alternativen? Schließlich gibt es ja auch viele Modelle, um die Arbeitszeit flexibel zu gestalten.

„Wir fördern Teilzeitbeschäftigungen wie auch Home Office, um den Mitarbeitern bei ihren individuellen Lebensentwürfen entgegen zu kommen. Dazu gehören zunehmend auch Phasen, in denen Mitarbeiter ihre Angehörigen pflegen und dies mit ihrem Beruf vereinbaren müssen. Hierfür nutzen sie häufig sogenannte Sabbaticals, die ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Work-Life-Balance einnehmen. Sabbarticals für Pflege zu nutzen, ist ein Phänomen, das bei weitem noch nicht richtig angegangen wird. Wir haben aus diesem Grund angefangen, mit anderen Firmen zu dem Thema Pflege von Angehörigen Kurse anzubieten. Es geht dabei um staatliche oder medizinische Unterstützung sowie psychologische Beratung, aber auch Regelungen, die Mitarbeiter mit dem Arbeitgeber vereinbaren können. Zu diesen Themen gibt es eine riesige Nachfrage auf Seiten unserer Mitarbeiter. Und wir arbeiten intensiv an der Weiterentwicklung unserer Altersvorsorge, in der Pensionskasse, um flexiblere Lösungen für Teilrenten und vorgezogene Renten zu bekommen. Wir sind dabei unsere Vorsorgeeinrichtungen dahingehend zu optimieren, dass sie nicht ausschließlich die Erwerbseinbußen im Rentenalter mildern, sondern sich zu einem lebenslangen Begleitinstrument entwickeln, welches die schwankenden Einkommen in den verschiedensten Lebenssituation glätten kann.“

Ist ein Arbeitnehmer eigentlich selbst schuld, wenn seine Work-Life-Balance aus den Fugen gerät?

„Der Arbeitgeber muss dem Mitarbeiter die Möglichkeit einräumen, für sich selbst verantwortlich zu sein. Das beinhaltet das Recht, seine Belange zu adressieren. Aber der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, eine Situation zu schaffen, in welcher der Mitarbeiter seine Belange auch äußern kann. Das erfordert, dass unsere Führungskräfte für die Mitarbeiter nah und erreichbar sind und ein offener, stetiger Kommunikationsfluss herrscht. Wir suchen außerdem mit unseren Mitarbeitern kontinuierlich nach Möglichkeiten, etwas zu verbessern beziehungsweise den Erfordernissen unserer Mitarbeiter anzupassen – ob im Arbeitsablauf oder in der Zusammenarbeit. Es ist wichtig, dass es systematische und fortlaufende Feedbackinstrumente gibt, auf die man zurückgreifen kann. Erst recht in kritischen Situationen. So versuchen wir, Überlastungen vorzubeugen und diese abzufangen.“

Ist Work-Life-Balance ein Thema der jüngeren Generation?

„Es gibt einen Unterschied zwischen jüngeren und älteren Mitarbeitern. Ältere Mitarbeiter verlassen ein Unternehmen oft, weil die Karriere nicht funktioniert oder sie zu wenig verdienen. Die Jüngeren aber sagen: Der Job macht keinen Spaß. Wer nur für Geld arbeitet, für den ist Work-Life-Balance nicht so wahnsinnig interessant. Wer aber seiner Aufgabe Wertschätzung entgegen bringt, Spaß haben, Anerkennung genießen und sich und seine Fähigkeiten weiterentwickeln möchte, der braucht ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen seiner Arbeit und seinem privaten Umfeld. Ich glaube, diese Anforderungen haben auch ältere Mitarbeiter, die jüngeren erlauben sich heute allerdings - und das auch zu Recht - diese Anforderungen konkret an sich und ihren Arbeitgeber zu stellen.“

Wie wichtig ist Nestlé die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit ihrer Beschäftigten, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein?

„Unsere Produkte zielen darauf, die Lebensqualität unserer Kunden zu erhöhen. Und wir können als Unternehmen keine Lebensqualität bieten, wenn die rund 13.000 Mitarbeiter in Deutschland keine eigene Lebensqualität empfinden. Sie müssen die Erfahrung haben von einem wertvollen Leben, von einem unterstützenden Umfeld durch Familie, Freunde oder Partner. Aber auch von dem Wert der Gesundheit und Sicherheit. Nur so können sie unsere Produkte überzeugend herstellen und vertreiben. Daher spielt es eine sehr große Rolle, wie es unseren Mitarbeitern geht. Und darauf achte ich auch selbst ganz genau.“

Bildrechte: GettyImages, Nestlé Deutschland AG

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