„Verbraucher sind sehr offen für die Ernährung der Zukunft“

24. Apr. 2015

Eine Gruppe junger Menschen isst im garten

Digitalisierung, Urbanisierung, demografischer Wandel: Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Doch wenn es um die Ernährung der Zukunft geht, sind Verbraucher sehr aufgeschlossen. Nur eine kleine Konsumentengruppe bleibt skeptisch. Wie kommt das?

Das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest befragte in der neuen Nestlé Zukunftsstudie 1.029 Konsumenten nach möglichen Ernährungs-Szenarien der Zukunft. Im Hintergrund standen gesellschaftliche und individuelle Fragen, alles unter der Prämisse: Wie wird unsere Gegenwart 2030 aussehen, wenn es um die Ernährung geht? Essen wir 2030 eher alleine zu Hause - oder gewinnt das Kochen in Gemeinschaftsküchen mit größeren Gruppen an Bedeutung? Helfen uns Nahrungsergänzungsmittel und neue Apps dabei, uns gesund zu ernähren? Oder wollen wir nur schnell und günstig satt werden? Und welche Rolle spielt Nachhaltigkeit dabei?

„Für die Studie haben wir gemeinsam mit Konsumenten fünf Szenarien erarbeitet. Dabei kam heraus, dass die Verbraucher sehr offen für die Ernährung der Zukunft sind“, sagt Jens Krüger, Geschäftsführer von TNS Infratest. Seine Firma betreut neben der Nestlé Zukunftsstudie pro Jahr gut 4.000 weitere Projekte - und gehört zum zweitgrößten Marktforschungsunternehmen weltweit, der WPP Group.

Nur wenige fürchten sich vor der Zukunft

Jens Krüger ist Geschäftsführer von TNS Infratest
Jens Krüger, Geschäftsführer von TNS Infratest

Was bei der Studie auffällt: Es ist die große Mehrheit, in der Summe 80 Prozent der Befragten, die sich auf die Ernährung der Zukunft freut. Und nur 20 Prozent tun dies nicht. Warum ist das so? Und wovor haben diejenigen Angst?

„Mich haben diese Zahlen nicht überrascht“, sagt Krüger. „Nur sehr wenige Menschen haben Angst vor Veränderungen“, sagt er. Es sei eine kleine Gruppe, die ihm in Studien und Umfragen tatsächlich immer wieder begegne. „Sie sind mit dem Erreichten, dem Status quo zufrieden, haben Sorge, diesen zu verlieren und abzurutschen.“

Krüger interpretiert dies so, dass diese Gruppe es sich in der Welt von heute gemütlich gemacht habe. Vieles laufe für diejenigen gut. Krüger: „Sich dann Gedanken über die Ernährung der Zukunft zu machen, liegt da nicht in ihrem Interesse, weil wir auch in ungewissen, hektischen Zeiten leben.“

Heute gelte es für viele Menschen zunächst einmal, in der Gegenwart gut zu bestehen. Die Zukunft sei dann sehr fern und, so denke jene kleine Gruppe, lasse sich auch nicht immer positiv beeinflussen. „Zukunft kann daher auch als Bedrohung wahrgenommen werden, die sich vielleicht nicht komplett meistern lässt“, erklärt der 43-Jährige, der seit 20 Jahren in der Marktforschung arbeitet. Krüger fügt an: „Insbesondere ältere Menschen haben häufig keine Lust mehr auf Veränderungen. Aber wir leben im Zeitalter der großen Umbrüche. Technologie und Konsumgüterindustrie wandeln sich rasant.“

„Viele wollen mitgestalten und partizipieren“

Was Jens Krüger freut: „Es heißt doch immer, wir Deutschen hätten Scheu vor der Zukunft, wären verhalten und würden in unseren Mustern und Rollen verharren. Die Studie zeigt, dass das nicht so sein muss.“ Der TNS Infratest-Geschäftsführer sagt auch: „Das Thema Ernährung wird heute breit diskutiert und es gibt einen höheren Anteil von Menschen, der mitgestalten und partizipieren will.“ Diese äußerten ihre Meinung in den Sozialen Medien oder sammelten Geld per Crowdfunding, um Projekte mit dem Geld der Internetnutzer zu finanzieren. „Bei der Ernährung wollen sie wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Oder sie bauen ihr eigenes Gemüse auf kleinen Mietparzellen sogar selbst an“, sagt Krüger.

Szenario 1, das die ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft ermittelt hat, hält er für besonders relevant. „Es ist das futuristische Bild in einem relativ komplexen Gesellschaftsbild und bedient die konsequente Fortschreibung dessen, was wir heute unter ‚Bio‘ verstehen.“ Der ethische Konsum stehe dabei im Mittelpunkt. Krüger: „Für mich ist das erste Szenario deshalb so zwingend, weil wir uns um die Ressourcen kümmern müssen.“

Von Freude und Gefallen

Auch wenn die meisten mit der Zukunft einverstanden sind und sich darauf freuen, so unterscheiden sich doch die Aussagen: Es besteht eine Diskrepanz zwischen „Gefällt mir“- und „Freue mich darauf“-Angaben. Eine Erklärung dafür gibt Jens Krüger: „Viele Verbraucher sagen schnell ‚Gefällt mir‘. Aber nur weil einem Menschen etwas gefällt, muss er sich noch lange nicht darauf freuen.“

Auch hätten die Befragten „häufig zwischen Gefühl und Verstand unterschieden.“ Und sich dabei immer gefragt: „Ist eines der fünf Zukunftsszenarien realistisch? Wird es eintreten? Und mag ich das?“

Den Grund für die Unterscheidung erklärt Jens Krüger so: „Wir sind rationale und emotionale Wesen. Zeitweilig entscheiden wir mit der Logik, manchmal eher aus einem Gefühl heraus. Und diese beiden Wesenszüge der Menschen passen nicht zusammen oder treffen nicht immer eine übereinstimmende Entscheidung.“

Welche der fünf Szenarien tatsächlich eintreten werden, bleibt spannend – und offen. Doch wir haben es selbst in der Hand, uns für eine gesunde und verantwortungsbewusste Ernährung zu entscheiden. Dies gilt für das Heute ebenso wie für das Jahr 2030.

Bildrechte: Nestlé Deutschland AG, GettyImages