„Wer lesen kann, kann kochen“

18. Jan. 2016

Zwei Frauen unterhalten sich in der Gemüseabteilung im Supermarkt

Um die Zukunft der Ernährung kümmert sich Nestlé bereits heute. Doch wie werden wir in 15 Jahren einkaufen? Wie wird sich das Erlebnis in den Supermärkten verändern? Und wo kommt das Kochwissen der Zukunft her?

Im Supermarkt der Zukunft werden die Verbraucher auf Produkte neugierig gemacht und ihnen wird erklärt, wie sie die neuen Produkte zubereiten können. Laut der im Frühjahr veröffentlichten Nestlé-Zukunftsstudie erwarten 61 Prozent der Konsumenten auch neue Inspirationen durch eine gute Beratung oder neue Probiermöglichkeiten in Lebensmittelgeschäften und Supermärkten. Denkbar seien Verkostungsstände ebenso wie Promotion-Aktionen, die die besondere Qualität der Waren in den Vordergrund rücken. Doch wie realistisch ist das Szenario? Und weshalb sollte der Einzelhandel dies bald tatsächlich anbieten?

Um das Thema kümmert sich Katja Popanda. Sie ist bei Nestlé als Head of Market Intelligence tätig. Bei ihrer täglichen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Marktforschung und den Konsequenzen für eine mögliche Zukunft: „Ich denke, dass sich heute der Unterschied zwischen stationärem und Onlinehandel sehr gut zeigt. Wenn ich mich frage: Was kann mir der Supermarkt vor Ort bieten, dann ist es die Möglichkeit, die Lebensmittel zu berühren, zu riechen oder mir Inspirationen zu holen.“

Supermärkte schaffen Erlebniswelten

In den Läden werde künftig das Erlebnis im Mittelpunkt stehen, während die Grundversorgung überwiegend online ablaufen werde. „Wenn wir uns einmal überlegen, wie unsere Supermärkte vor 20 Jahren aussahen, so lässt sich schon sehr deutlich ein Trend erkennen. Denn zwischen der Optik und dem Angebot liegen Welten. Früher hatte ich das Gefühl, dass es den Marktbetreibern darum ging, dass der Kunde das Geschäft mit seinen Waren nach dem Kauf schnell wieder verlässt. Heute geht es um das Gegenteil. Es werden Erlebniswelten aufgebaut“, sagt die 46-Jährige. Alles sei „sehr viel hübscher geworden, und man hat sehr viel mehr Lust, dort auch zu verweilen“.

Als Beispiel nennt Popanda „Das Kochhaus.“ Es sei wie ein begehbares Rezept aufgebaut, in dem Verbraucher alle für die unterschiedlichsten Rezepte nötigen Waren bereits abgepackt einkaufen könnten. „Das spart Zeit“, sagt die Expertin.

Aber wollen die Verbraucher das überhaupt? Und was ist aus den guten, alten Kochkünsten geworden? Kannte früher nicht jede Hausfrau mindestens ein Dutzend Rezepte auswendig? Ist dieses Wissen heute bereits verloren gegangen?

Kochen lernen leicht gemacht

„Für unsere Mütter war es undenkbar, verheiratet zu sein, ohne ausreichend Rezepte in Petto zu haben. Heute hingegen ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Mütter ihren Kindern das Kochen beibringen.“ Zum einen habe sich das gesellschaftliche Bild gewandelt. Zum anderen bestehe heute gar keine Notwendigkeit mehr, Rezepte auswendig zu lernen. „Ich kann heute im Netz schnell erkennen, wie ich eine Speise zubereiten muss, damit sie schmeckt. Wer lesen kann, der kann auch kochen.“

Zusätzlich gibt es viele Seiten, die per Video zeigen, wie ein Gericht gekocht wird, unter anderem das Maggi Kochstudio. „Weshalb soll man heutzutage also noch Rezepte auswendig lernen? Wir werden mit so vielen Informationen bombardiert – da will man sein Gehirn nicht mehr mit Rezepten belasten.“

Da das Kochwissen nicht mehr gespeichert werde wie früher, sondern eher on-demand besorgt wird, seien neue Inspirationsquellen nötig. Diese Rolle könnten vermehrt die Supermärkte der Zukunft einnehmen.

Was ist Inspiration wert?

Spannend ist in dem Zusammenhang die Frage, wer auch dazu bereit ist, für den Service der Inspiration im Supermarkt zu bezahlen. „Ich muss mich fragen, wofür ich mein Geld ausgeben möchte“, erklärt Popanda. „Daran schließt sich für mich die Frage an: Was ist mir etwas wert? Wie viel Geld meines verfügbaren Einkommens bin ich bereit, in gute Lebensmittel zu investieren? Und welchen Anteil am Preis hat der Aspekt der Inspiration?“

Popanda und ihr Team erkennt eine Verschiebung in den Prioritäten. „Lebensmittel sind ein Ausdruck meiner Individualität, was ich bin und was ich darstellen möchte. Heute gebe ich über Aussage wie: ‚Ich esse vegetarisch‘ ein Statement ab.“ Die Folge, da sind sich die Experten der Nestlé-Zukunftsstudie sicher, wird sein, dass Verbraucher mehr Wert auf Inspiration legen und demzufolge auch bereit sein werden, mehr dafür auszugeben.