Wohnen und Essen im Wandel

26. Mai. 2016

Eine Frau genießt den Blick auf die Stadt

Seit Jahren zieht es immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Das wird verändern, wie wir wohnen, arbeiten und essen. „Erste Wohnkonzepte reagieren auf diese Trends und bieten verschiedene Formen von Sharingflächen an“, sagt Kulturmanagerin und Architektin Meike Weber. Im Interview beschreibt sie einige Modellprojekte und erklärt, wie die Urbanisierung unser Essverhalten beeinflusst.

Die Gemeinschaft ist ein wichtiges Sehnsuchtsfeld geworden. Welche Entwicklungen treiben diese Sehnsucht?

Meike Weber: „Die Gesellschaft hat als Folge der Finanzkrise oder auch unrealistischer Strategien der Klimakrise Herr zu werden ihr Vertrauen in Politik und Wirtschaft verloren. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, Partizipation und Gemeinschaft generieren heute Sicherheit und Stabilität. Demographischer Wandel und Migration und die damit verbundene Gefahr der Vereinsamung und die Belastung der Volkswirtschaft fördern diese Entwicklung.“

Sind das nicht sich widersprechende Werte – Eigenverantwortung und Partizipation, Selbstbestimmung und Gemeinschaft?

„Es gibt nie nur eine Wahrheit, wie auch nie nur eine Zukunft. Globalisierung, technologischer Fortschritt und Verstädterung, Digitalisierung und Vernetzung stehen erstarkenden Werten wie Regionalismus, Individualismus und Gemeinschaft gegenüber. Integration ist die große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Die Formen der Gemeinschaft sind dabei differenziert wie die Gesellschaft selbst.“

Wie meinen Sie das?

„Familie und Nachbarschaften werden neu definiert und um selbst gewählte Gemeinschaftsformen ergänzt. Statt um exklusive, einengende Bindungen geht es um parallele Zugehörigkeiten mit Handlungsspielraum. Viele sehen in der Gemeinschaft, in einem fairen Umgang mit Menschen und der Natur eine Gegenbewegung zum nicht steuerbaren technischen Fortschritt. Wobei man sich nicht zwischen beiden entscheiden muss. Das Netz erweitert das Nest um eine neue Lebenswelt. Neue Gemeinschaftsformen brauchen neue Räume.“

Welche Auswirkungen hat das darauf, wie wir in Zukunft wohnen werden?

„Wohnung, Gebäude und Quartier müssen für die unterschiedlichen parallelen Gemeinschaftsformen adäquaten Raum bieten. So wird es zu einem Wiedererstarken von gemeinschaftlichen Konzepten wie Genossenschaften und Baugruppen kommen – diese Entwicklung ist schon heute sichtbar. Dabei geht es um Zugang statt um Besitz. Lebensabschnittsimmobilie und Lebensstilmiete werden thematisiert. Autonomie und Nachbarschaften treten vor Sicherheit in größeren Systemen. Da die große Mehrheit der Menschen in Städten wohnen will, entsteht dort großer Druck: mangelnde Flächenressourcen und damit verbundene Kostenexplosionen erfordern neue Wohn-, Lebens- und Finanzierungskonzepte.“

Was können die Menschen tun, um diesen in vielen Großstädten auftretenden Problemen entgegenzuwirken?

„Die Menschen in den Städten haben erkannt, dass es für sie einfacher und letztlich auch bezahlbarer ist, nicht nur den PKW sondern auch Räumlichkeiten für verschiedene Nutzungen zu teilen. Diese nur in Anspruch zu nehmen, wenn sie sie auch wirklich benötigen, sei es der Arbeitsraum als Co-Working-Space, die Dachterrasse, das Atelier oder die Wohnküche. Erste Wohnkonzepte reagieren auf diese Trends und bieten verschiedene Formen von Sharingflächen an. Ob auf der Ebene der Wohnung, des Gebäudes oder auch des Stadtquartiers: Die neue Gesellschaftskultur fordert eine neue Wohn-, Stadt- und Planungskultur. Es geht um Partizipation statt Starautorenschaft, um invasive Eingriffe in den Stadtkörper statt um die große architektonische Geste. Statt um einen Städtebau von oben geht es um einen Urbanismus von unten. Es geht nicht mehr um die autogerechte Stadt der Nachkriegszeit, sondern um ein differenziertes lebendiges Stadtbild als Spiegel der Gesellschaft aus Vielfalt, Nutzungsmischung und Shared Spaces.“

Welche Konzepte gemeinschaftlichen Wohnens finden Sie besonders spannend?

„Nur ganzheitliche Konzepte können zu Alltagskonzepten werden. Konzepte, die die Veränderungen der Gesellschaft berücksichtigen, die nicht nur ökologisch und ökonomisch sondern insbesondere auch sozial sind. Konzepte, die auf allen Ebenen Ressourcen schonen, die nicht nur effizient, suffizient sondern auch resilient sind.“

Das sind hohe Ansprüche. Können Sie einige Modellprojekte beschreiben?

„Begannen die ersten Modellprojekte im Bereich des klassischen Einfamilienhauses, fokussieren aktuelle Modellprojekte den Bestand und gemeinschaftliche Wohnformen. Hier seien Projekte genannt wie  „The Cubity Darmstadt – Energy Plus und Modular Future Student living “ als erstes Aktivplusstudentenwohnheim. Nach dem Haus-im-Haus-Prinzip bietet es viel Raum für die Gemeinschaft und eine Angemessenheit fürs Private. Oder auch das Projekt „Urban Insider“ als erstes seriengefertigtes Aktivplushaus, das Projekt NEST der ETH Zürich und zahlreiche mehr. Noch sind es Experimente, die häufig im universitären Forschungsumfeld stattfinden. Die Herausforderung besteht dann in der Übertragbarkeit, Reproduzierbarkeit und Bezahlbarkeit der Modelle, diese Projekte auf kostengünstigen Wohnungsbau zu erweitern und auf den Bestand übertragbar zu machen. Doch auch im Geschosswohnungsbau existieren erste Musterbeispiele wie das Aktivstadthaus von Prof. Hegger in Frankfurt am Main, das Sharingprojekt im exklusiven Wohnungsbau „Friends“ in München, „The Interlace“ von Ole Scheeren in Singapur oder auch die Siedlung Heizenholz in Zürich – überall shart man bestimmte Dinge ohne auf die Privatsphäre zu verzichten.“

Wie genau werden sich die Anforderungen an die Städte der Zukunft verändern?

„Bereits in weniger als 20 Jahren werden mehr als zwei Drittel aller Menschen in Städten leben. Diese riesigen Strukturen müssen über eine äußerst effiziente Stadtlogistik verfügen. Die Städte der Zukunft werden sich dort befinden, wo die Grundversorgung der Bewohner garantiert werden kann. Die Bedeutung der Region als Versorger der Stadt wird wieder deutlich steigen, als Lieferant für Nahrungsmittel, erneuerbare Energien und Baustoffe.“

Das klingt noch recht utopisch.

„Ohne die Vernetzung von sozialer Stadt und Land geht es in Zukunft nicht. Die Gärten und die Landwirtschaft suchen sich ihre Wege zurück in die Städte, sei es auf Balkonen, Dachterrassen oder Straßeninseln. Die gestapelten Landschaften von MVRDV mit Flächen für Landwirtschaft und Schweinezucht sind beispielsweise als architektonisch, städtebauliche Konzeptstudien zu verstehen, die dieses kommende Problem thematisieren – eine Lösung für alle Menschen bieten diese Einzelansätze leider noch nicht, genau so wenig wie historische Ansätze von Leberecht Migge oder eine Schrebergartenkultur, die heute in Urban Gardening Trends ihre Wiedergeburt feiert.“

Welchen Einfluss haben solche Konzepte darauf, wie wir essen?

„Unabhängig von Einzelansätzen und Konzeptstudien wie der Algenfassade im Rahmen der IBA Hamburg werden die Themen „Gesundes Essen“, „ethischer Konsum“ und „personalisierte Ernährung“ Einfluss haben, wie wir in Zukunft essen werden. Unser Alltag und die Sehnsucht nach Gemeinschaft und ihre Folge wie wir in Zukunft essen werden, könnte man heute wie folgt zusammenfassen: an Wochentagen „healthy food to go“, am Wochenende Essen als Gesellschaftsevent in der ge-sharten Hightechküche des hochverdichteten Stadthauses. Küche und Kochen werden auch in Zukunft eine wichtige Bedeutung haben, trägt der gesunde Mensch nicht zuletzt länger seinen Teil zur künftig sehr unter Druck geratenden Volkswirtschaft bei. Essen und Wohnen sind wie Gebäude und Städte soziale Tatsachen, die sich im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen wandeln.“

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