Voneinander Lernen ist wichtiger als High Tech

Tag 3 – Projekte für weitere Nahrungsquellen: Honig, Fleisch und Fisch

Achim am Teich
Am Teich macht sich Achim ein Bild von der lokalen Fischzucht.

Unsere Reise führt uns noch tiefer ins Hinterland: Wir schauen uns mehrere Projekte an, die unser Lieferant mit den Dorfgemeinschaften ins Leben gerufen hat. Ziel dieser Community-Programme ist es, den Bauern neben Vanille weitere Einkommensquellen zu erschließen und gleichzeitig die Ernährung auf eine breitere Basis zu stellen. Reis ist hier zwar wichtig – kulturell und als Grundnahrungsmittel – bietet aber nicht alle nötigen Nährstoffe.

Ein Imker zeigt den selbst gebauten Bienenkasten
Ein Imker zeigt den selbst gebauten Bienenkasten.

Unsere erste Station führt uns zu Imkern – die Gruppe von sechs Bauern hat unter Anleitung unserer Partnerorganisation Bienenkästen gebaut und bislang drei wilde Bienenvölker domestiziert. Reich wird man damit nicht – aber zweimal pro Jahr werden jeweils zehn Kilogramm Honig geerntet und in der Stadt verkauft, zu rund 3,50 Euro pro Kilo. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von weniger als zwei Euro pro Tag ist das ein willkommenes Nebeneinkommen. Die Imker-Gruppe ist gleichzeitig eine Lernplattform – auch andere Bauern lernen in mehrstündigen Kursen das Imkerhandwerk. Interessant dabei: Vor 100 Jahren war Madagaskar der weltweit führende Honigexporteur, aber das Wissen ist über die Zeit verloren gegangen.

Doppelter Ertrag ohne Kunstdünger

Doppelte Erträge: Reisfelder nach den Anbaumethoden des Reis-Intensivierungsprogramms; Dreschen der Reishalme per Hand
Doppelte Erträge: Reisfelder nach den Anbaumethoden des Reis-Intensivierungsprogramms; Dreschen der Reishalme per Hand.

Nächste Station: Reis. In einem so genannten Reisintensivierungsprogramm lernen die Bauern bessere Anbaumethoden – so können sie ihre Erträge mehr als verdoppeln, auf der gleichen Fläche und ohne Einsatz von Kunstdünger. Bei der Methode wird gezielter bewässert, die Keimlinge werden früher und nach einem festen Raster gepflanzt. So können sich stärkere Wurzeln bilden und die Körner bilden anstelle der üblichen 15 bis zu 80 Halme. Geerntet wird zweimal im Jahr.

Etwa 1000 Bauern haben bereits diese Anbaumethoden übernommen. Wie alle Veränderungen in einer traditionell geprägten Landwirtschaft erfordert dies aber Zeit und Geduld: Die Akzeptanz für Neuerungen kommt üblicherweise, wenn man den Erfolg beim Nachbarn sieht – das voneinander Lernen ist dabei wichtiger als High Tech.

Kaninchenzucht neben Vanilleanbau

Stichwort Lernen und High Tech: Auf unserer Tour halten wir kurz bei der zweiten Schule, die mit Nestlé-Mitteln finanziert wurde. Der Unterricht ist bereits vorbei, aber wir werfen einen Blick in die Klassenräume und auf die Einrichtung. Anders als bei der ersten besuchten Schule gibt es hier kein (teures) Blechdach, sondern es ist mit Palmwedeln gedeckt, alle Materialien stammen aus der Region. Das Palmdach sieht nicht nur schöner aus, sondern sorgt auch für ein angenehmeres Raumklima und kann bei Bedarf leicht repariert werden. Trotzdem bevorzugen die Einheimischen Wellblech als Zeichen von Fortschritt und Wohlstand. Nicht jeder Fortschritt ist auch ein Schritt in die richtige Richtung...

Achim fotografiert ein Schwein
Auf dem Weg zur Kaninchenfarm sehen wir im Dorf auch zahlreiche Schweine und Hühner.

Vom Reis zu Kaninchen: Ein weiteres Pilotprogramm beschäftigt sich mit Kaninchenzucht. Eine Gruppe von Bauern hat (mit Unterstützung) eine kleine Zucht aufgebaut und verkauft das Fleisch – derzeit sind rund 30 Kaninchen in den selbst gebauten Ställen. Ein ausgewachsenes Kaninchen bringt etwa sieben Euro, in den vergangenen drei Jahren wurden 180 verkauft. Die Bauern betreiben dieses Geschäft neben dem Vanilleanbau. Eine Spezialisierung und damit eine Vergrößerung der Zucht planen sie derzeit nicht, obwohl dies wirtschaftlich sicher interessant wäre.

Projekte für weitere Nahrungsquellen

Fischstand am Straßenrand von Sambava – hier werden Fische aus dem Pilotprogramm unter anderem verkauft
Fischstand am Straßenrand von Sambava – hier werden unter anderem Fische aus dem Pilotprogramm verkauft.

Dass es in dieser Region genügend Wasser gibt, stellen wir an diesem Tag mehrfach fest – auch wenn gerade keine Regenzeit ist, schüttet es immer wieder wie aus Eimern. Da die Straßen hier aus Lehm (und Schlammlöchern) bestehen, geht es nur mühsam voran, und wir spüren jedes Schlagloch. Etwa eineinhalb Autostunden (also nur wenige Kilometer) von Sambava entfernt besichtigten wir eine Fischfarm, die ebenfalls als Pilotprojekt und Lernplattform dient. Die Bauern haben vier Becken gegraben, in denen Tilupa und eine Karpfenart gezüchtet werden. Die Fische werden frisch oder getrocknet in der Stadt auf den Straßenmärkten verkauft. Ein Erfolgssignal: Kürzlich hat die Gruppe Jungfische an einen Bauern im Nachbardorf verkauft, der ebenfalls eine Fischzucht aufbauen möchte.

Bei den Community-Projekten geht es nicht nur um Geld – dies ist zwar wichtig, um für ein stetiges und verlässliches Einkommen neben dem Vanilleanbau zu sorgen. Da die Ernährung aber auf Madagaskar vor allem auf Reis basiert, und Reis außer Kohlenhydraten nur wenige Nährstoffe enthält, ist Mangelernährung weit verbreitet. In den Dörfern, die wir besucht haben, und von denen wir Vanille beziehen, scheint die Situation etwas besser zu sein – aber entlang unserer Strecke haben wir viele Menschen (und vor allem Kinder) gesehen, die ganz offensichtlich unter Anämie leiden. Daher ist es umso wichtiger, weitere Nahrungsquellen aufzubauen, die Proteine, Eisen und andere Mikronährstoffe liefern.

Bildrechte: Nestlé Deutschland AG

Arbeiter riechen an Vanilleschoten

Eine emotionale Erfahrung

Wir sind im Herzen des Vanille-Landes angekommen, in einem kleinen Dorf bei Sambava. Dort treffen wir Mitarbeiter einer Partnerorganisation, Vanillebauern und viele Kinder, die sich sehr über unseren Besuch freuen. Sie machen den Besuch zu unserer emotionalsten Erfahrung in Madagaskar.

Arbeiter riechen an Vanilleschoten

Besuch bei einem Vanillelieferanten

Nach 8.500 Kilometern, 36 Stunden und zwei Flügen sind wir an unserem ersten Ziel angekommen: Der Distrikt Sava im Nordosten Madagaskars ist die Hauptanbauregion für Vanille – und der Sitz eines unserer Lieferanten.