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„Wir brauchen ertragreichere Pflanzen“

Prof. Harald von Witzke im Interview
„Wir brauchen ertragreichere Pflanzen“ – Nestlé© Deutschland AG
In Entwicklungsländern müssen viele Menschen mit sehr wenig Geld und Nahrungsmitteln auskommen. Dennoch sind die düsteren Prognosen in dieser radikalen Form nicht eingetreten. Im Gegenteil: Viele Lebensmittel, die früher als Luxusgüter galten, wie Kaffee, Zucker, Gewürze und exklusive „Kolonialwaren“, kann sich in den Industriestaaten heute fast jeder leisten. Was also ist in den zurückliegenden Jahrzehnten geschehen? Agrarökonom Professor Harald von Witzke von der Berliner Humboldt-Universität gibt Antwort

Zwischen Schlaraffenland, Nahrung aus der Tube bis zur Hungersnot von Thomas Malthus: Wie präzise nehmen Bücher und Filme die Ernährung der Zukunft vorweg?

„An beiden Seiten ist etwas dran – an der Fiktion der Knappheit und an der Fiktion der Reichhaltigkeit der Nahrung. Wenn man sich die Daten von 1200 bis 1900 ansieht, sind die Agrarpreise, ist die Nahrungsmittelknappheit tendenziell gestiegen. In der Zeit der Ökonomen Thomas Malthus und David Ricardo (18./19. Jahrhundert; Anm. d. Red.) gab es einen besonders starken Preisanstieg. Daraus haben sie geschlossen, dass die Zukunft der Menschheit gekennzeichnet sein müsse von wiederkehrenden Ernährungskrisen, in deren Folge die Anzahl der Menschen abnimmt. Entweder weil sie verhungern, oder weil sie sich umbringen im Kampf um knapper werdende natürliche Ressourcen für die Nahrungsgüterproduktion – nämlich landwirtschaftlich nutzbaren Boden.“

Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin
Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin.

Was ist passiert, dass die Vorhersagen von Malthus und Ricardo nicht eingetreten sind?

„Sie sind letztendlich widerlegt worden durch den Erfolg der Agrarforschung, die die Produktivität der Landwirtschaft immer wieder erhöht hat. Gleichzeitig sind landwirtschaftliche Nutzflächen in der damals sogenannten ‚Neuen Welt‘ hinzugekommen, die erschlossen worden sind. Seither aber hat man die Forschung nicht mehr auf Ertragssteigerung ausgerichtet, sondern auf andere Aspekte wie Widerstandsfähigkeit. Das hat sich nun wieder geändert. Das Problem ist nur: Es dauert mindestens 25 Jahre für größere Innovationen, und so etwas wie eine ‚Grüne Revolution‘ dauert bis zu 50 Jahre – von den Ursprüngen der Investition in die Forschung bis zu den Ertragssteigerungen auf dem Feld der Bauern.“

Fußt die Ernährung der Zukunft auf der Entwicklung neuer Technologien, der Züchtung neuer Pflanzensorten oder auf der Erhöhung der Mikronährgehalte von Grundnahrungspflanzen?

„Auf einer Kombination von allem. Wir brauchen ertragreichere Pflanzen, die das Sonnenlicht besser verarbeiten. Sie müssen mit den Nährstoffen im Boden besser umgehen oder im Wasserverbrauch effizienter werden. Auch die Resistenz der Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge, Hitze, Kälte und Trockenheit ist wichtig.“

Wird die Ernährung von neun Milliarden Menschen auch 2050 gesichert sein?

„Angebot und Nachfrage werden übereinkommen, aber nur zu einem höheren Preis. Denn so schnell können wir die Produktivität nicht steigern, weil wir erst jetzt wieder angefangen haben, stärker in die Forschung zu investieren. Und wenn man sich anschaut, was da so in der Pipeline ist, dann sieht man, dass sich die nächste grüne Revolution noch nicht andeutet. Aber schaffen werden wir das – nur wann, das ist noch nicht absehbar.“

Mit Blick auf die nächsten 30 Jahre: Gibt es Lebensmittel, die für die Ernährung der Zukunft wichtiger werden?

„Fisch wird deutlich wichtiger werden. Und da einzelne Fischarten schon überfischt sind und man Grenzen ziehen muss, um die Ozeane nachhaltig zu nutzen, wird Fish-Farming deutlich zunehmen – gerade in den Entwicklungsländern. Auch Algen haben Potenzial. Was den Fleischkonsum angeht: Dieser wird in den Schwellenländern weiter zunehmen. Bei uns dagegen wird sich nicht so viel verändern.“

Die NASA will ihren Raumfahrern Pizza aus dem 3D-Drucker anbieten, anderenorts gibt es Ideen zu sogenanntem „health food“: Welche Trends für die Ernährung der Zukunft halten Sie für wichtig?

„Ich sehe zwei gegenläufige Entwicklungen. Da gibt es einerseits die Menschen, die gut ausgebildet sind, ein hohes Einkommen haben und sich zunehmend gesünder ernähren. Veganismus wird gegenwärtig sehr stark betont, auch wenn ich noch nicht sehe, dass sich die Menschen in Zukunft komplett ohne tierische Produkte ernähren werden. Die andere Gruppe interessiert sich nicht so sehr für ihre Ernährung und den Ursprung ihrer Lebensmittel.“

Foto: Humboldt-Universität Berlin