Wo die Proteine der Zukunft herkommen

7. Sep. 2015

Eine Wissenschaftlerin untersucht eine Salamischeibe

Forscher wollen mit in der Petrischale gezüchtetem Fleisch den riesigen Fleischverbrauch der Weltbevölkerung bedienen. Doch der In-vitro-Trend kommt erst langsam voran. Zu hoch sind bislang die Produktionskosten. Dabei steht die Bevölkerung Deutschlands alternativen Proteinlieferanten durchaus aufgeschlossen gegenüber.

250.000 Euro kostete die bislang wohl teuerste Frikadelle der Welt. Ihr hoher Preis kam jedoch nicht dadurch zustande, dass sie aus dem Fleisch einer seltenen Rinderart gefertigt wurde. Im Gegenteil: Der erste „Retorten-Burger“ wurde in der Petrischale produziert und Mitte 2013 in London dem staunenden Fachpublikum vorgestellt.

Der niederländische Professor Mark Post, Leiter des Lehrstuhls für Gewebephysik an der Universität Maastricht, hatte sechs Wochen lang aus Muskelzellen einer lebenden Kuh den rund 150 Gramm schweren Fleischklops gezüchtet. Die immensen Herstellungskosten übernahm der Google-Gründer und Technologie-Mäzen Sergey Brin.

Damit war öffentlichkeitswirksam eine Art Grundstein für die künstliche Fleischerzeugung gelegt. Doch wie genau funktioniert die so genannte „in-vitro“ (Latein für: im Glas)-Produktion? Und vor allem: Werden die Verbraucher das synthetische Fleischprodukt akzeptieren?

Der Preis entscheidet über den Erfolg

Zur Herstellung von in-vitro-Fleisch werden dem lebenden Tier zunächst Zellen entnommen. In Nährlösungen können sich die Stamm- oder Muskelzellen auch außerhalb der Tiere vermehren. Schichten Wissenschaftler die entstehenden Membranen nun übereinander, lassen sich Würste oder Burger nachbauen.

Ob sich Laborfleisch durchsetzen wird, hängt zu einem großen Teil vom Preis ab. Nur wenn es günstig produziert werden kann, hat es eine Chance auf dem Markt.

Eine entscheidende Rolle wird dabei aber auch die Offenheit der Verbraucher gegenüber neuen Trends und Technologien spielen. Viele Trends haben ihren Ursprung jedoch in den USA, und kommen erst später nach Europa.

Proteine sind ein Evolutionsthema

Aber: Der Hunger nach Fleisch ist tief in uns verwurzelt. Viele Evolutionsbiologen machen allein tierische Proteine für unser immens leistungsfähiges und großes Gehirn verantwortlich – ganz im Gegensatz zu dem unserer vegetarisch lebenden Verwandten, den Affen.



Doch wie realistisch ist eine größere, gesellschaftlich relevante Herstellung von In-vitro-Fleisch? Professor Mark Post rechnet damit, dass in rund 20 Jahren alle Tierprodukte auf dem Teller aus der Retorte kommen. Das kann der Bonner Ernährungsphysiologe Peter Stehle, Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Mitglied des Nestlé Experten- und NGO-Beirats, nicht nachvollziehen: „Ich halte das Thema für wenig massentauglich. Die Herstellung ist sehr teuer und wird sich auf absehbare Zeit kaum günstig darstellen lassen.“

Er hält es für sinnvoller, weniger Fleisch zu essen, wenn es um den Schutz der Umwelt gehe. Stehle: „Wir können ohne Probleme auf die Hälfte der verzehrten Tiere verzichten.“

Weltweiter Fleischkonsum belastet die Umwelt

Fakt ist: Der Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland liegt laut dem Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie bei 60,3 Kilogramm pro Jahr. Während die Tendenz bei uns sinkend ist, steigt der Verbrauch in Ländern wie Indien oder Afrika stark an. Und im Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen angewachsen sein; die steigende Nachfrage nach Fleisch ist programmiert.

Deutschland hat das Potenzial, sich als Vorreiter in Sachen des verantwortungsvollen Fleischkonsums zu etablieren. Denn: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Verbraucher (52 Prozent) wünscht sich eine Ernährung der Zukunft, in der die Schonung von Ressourcen und werteorientierter Konsum im Mittelpunkt stehen, ergab die Nestlé Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“.

12 Prozent der Verbraucher (die Studie nennt sie Zukunftsgestalter) zeigen sich besonders offen gegenüber innovativen Techniken, Ernährungsformen und Kochpraktiken. In-vitro-Fleisch wird in dieser Gruppe fast von jedem Zweiten akzeptiert (47 Prozent). Über alle Befragte hinweg glauben 36 Prozent, dass In-vitro-Fleisch der Kompromiss zwischen Genuss und Rücksicht auf Tier und Natur wird.

Das heißt nicht, dass sie gar kein Fleisch mehr essen wollen. Verantwortungsvoll hergestellte Tierprodukte wird man auch weiterhin guten Gewissens verzehren können. Doch für Wissenschaftler wie Mark Post bedeutet es, dass auch in-vitro-Fleisch als Alternative eine Rolle spielen kann, wenn die Herstellung  zu einem für alle Verbraucher erschwinglichen Preis möglich würde.

Insekten als Proteinlieferanten

Doch die Ernährung der Zukunft kreist nicht nur um das Thema Fleisch. Algen und Insekten gelten heute bereits in einigen Ländern als wichtige Proteinlieferanten. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) preist deren Vorzüge schon lange an. Ihre Zucht ist weit umweltfreundlicher als die von Schweine- oder Rindfleisch: Insekten emittieren nämlich kaum Treibhausgase und benötigen weniger Wasser als die Viehzucht. Die kanadische Firma Next Millenium Farms produziert bereits Mehl aus Heuschrecken sowie geröstete Heuschrecken und Mehlwürmer, erhältlich in Geschmacksrichtungen wie BBQ, Honig-Senf oder marokkanisch.

Der Verzehr erkennbarer Insekten ist bislang jedoch erst in Afrika und Asien gesellschaftlich akzeptiert. Für die europäischen Gaumen könnten jedoch pulverisierte Insekten eine Lösung darstellen. „Die Versorgung größerer Populationen ist möglich“, sagt Ernährungswissenschaftler Peter Stehle. Letztlich wird der Genuss von Insekten eine Gewöhnungsfrage sein – ähnlich wie beim rohen Fisch im heute auch in Europa populären Sushi.

Mehr Nahrungsmittel aus dem Wasser

Ebenfalls eine Alternative als Proteinlieferant sind Algen. Einer ihrer Vorteile gegenüber Tierprodukten: Sie wachsen im Wasser, so dass keine zusätzlichen Anbauflächen an Land benötigt werden. Algen enthalten viele ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralien. Auch Seegras gilt als äußerst proteinreich und könnte, in Suppen oder Salaten beigemischt, eine wertvolle Eiweißquelle darstellen.

Die Frage ist also nicht ob, sondern wann wir bereit sind, uns auf alternative Proteinlieferanten einzulassen.