Zwischen Forschung und Fiktion

Wie sich Literaten und Filmemacher die Ernährung der Zukunft vorstell(t)en

Die Ernährung der Zukunft in der Literatur 

Verlieren Aspekte wie Geschmack und Gemeinschaft beim Essen an Bedeutung? Verzehren wir künftig nur noch einfachste Mahlzeiten, vollgepumpt mit Nährstoffen? In Literatur und Film werden häufig negative Bilder von der Ernährung der Zukunft gezeichnet. Eine Spurensuche zu Ernährungstrends, Lebensmitteln von morgen und historischen Entwicklungen.

Wenn Captain Jean-Luc Picard in den unendlichen Weiten des Weltalls Hunger bekommt, hat er viel Auswahl. Der „Replikator“ an Bord des Raumschiffs USS Enterprise synthetisiert alle denkbaren Speisen und Getränke. Und „Star Trek“ ist bei weitem nicht die einzige Kult-Serie, welche sich mit der Ernährung der Zukunft beschäftigt. Die verlockende Vorstellung des jederzeit verfügbaren, schmackhaften Essens findet sich ähnlich auch im Film „Das Fünfte Element“ wieder. Hauptfigur Leeloo lässt sich ein knuspriges Hähnchengericht mit Gemüse schmecken, das aus nichts weiter als einem Pulver entsteht.

Die Ernährung der Zukunft – in den Küchen von heute

Ist das Schlaraffenland ein Ort in ferner Zukunft? Keineswegs. Schon heute arbeiten Forscher an künstlich erzeugtem Obst oder Fleisch, andere konzipieren einen 3D-Drucker, der Pizza extra für Raumfahrer herstellen soll. Science Fiction erobert die Küchen.

Noch radikaler sieht es in den Zukunftsszenarien anderer Filme und Bücher aus: Die Figuren halten sich gar nicht mehr mit Nachbildungen von Pizza oder Hühnchen auf, sondern setzen für die Ernährung der Zukunft auf nichts als Nährstoffe. In Paul Theroux' Zukunftsroman „O-Zone“ drücken die Bewohner zum Essen auf unterschiedliche Tuben. Diese enthalten pulverisierte Früchte, Fleischgewebe oder Shrimps-Paste. Im Film „Matrix“ gibt ein Eiweiß-Komplex mit synthetisierten Aminosäuren, Vitaminen und Mineralien dem Körper „alles, was er braucht“ – so das Filmzitat.

Hochtrabende Ideen für eine Ernährung der Zukunft entwickelte auch die avantgardistische Kunstbewegung der Futuristen in Italien Anfang des 20. Jahrhunderts. Deren Vordenker Fillipo Tommaso Marinetti propagierte in „Das Manifest der futuristischen Küche“ im Jahr 1930 das „Simultanessen“ als Ernährung für den beschäftigten Kaufmann. Gehen, reden, schreiben, essen – Verpflegung mit höchster Effizienz. Die Futuristen trieben ihre Ideen auf die Spitze und malten sich über das Radio ausgestrahlte „Ernährungswellen“ aus.

Soylent Green: Zukunftsspeise im Film, Trinkmahlzeit in der Gegenwart

Die Fiktionen sind ihrer Zeit zwar noch voraus, die Realität holt aber mit schnellen Schritten auf: Die Flüssignahrung Soylent besteht nicht aus herkömmlichen Nahrungsmitteln, sondern aus reinen Nährstoffen aus dem Labor – Vitamine, Proteine, Mineralstoffe und Kohlenhydrate. Der Name der Trinkmahlzeit geht auf den Science-Fiction-Film „Soylent Green“ von 1973 zurück. Da ernährt das wohlschmeckende und nahrhafte Lebensmittel „Soylent Green“ die Menschen. Echte Lebensmittel wie Gemüse oder Fleisch können sich in dieser Welt nur noch die Reichen leisten.

Auf deutlich humorvollere Art zeigt Douglas Adams' Roman-Reihe „Per Anhalter durch die Galaxis“, wie individuelle Ernährung der Zukunft aussieht: Der Nutri-Matic-Apparat untersucht erst die Geschmacksknospen von Protagonist Arthur Dent und analysiert seinen Stoffwechsel. Dann bekommt Dent einen (vermeintlich) individuell auf ihn abgestimmten Tee.

Lebensmittel aus im Labor erzeugten Nährstoffen – „drink food“ in Form von Smoothies, Energy Drinks für Leistungssportler – all das findet sich in Literatur und Realität gleichermaßen. Aroma, Beschaffenheit, Form und Größe – aus einem Fruchtmus, das in einem chemischen Verfahren verarbeitet wird, lässt sich nahezu alles erschaffen und gestalten.

Findungsreiche Forschung gegen düstere Dystopien

Während man den genannten Beispielen auch immer noch – zumindest teilweise – positive Aspekte abgewinnen kann, existieren in der Literatur auch noch deutlich skeptischere Vorstellungen von der Ernährung der Zukunft: In Lord Byrons berühmten Gedicht „The Darkness“ hungern die Menschen, und in Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ suchen sie ständig nach etwas Essbarem. Prägend für viele solcher Vorstellungen von der Ernährung der Zukunft war der englische Ökonom Thomas Malthus. Dieser hatte in seinem „Essay on the Principle of Population“ im Jahr 1798 prognostiziert, dass aus dem Bevölkerungswachstum große Versorgungsprobleme, Nahrungsmittelkrisen und Preissteigerungen entstehen würden. Der Ernährung der Zukunft sah er pessimistisch entgegen, und er hielt Hungersnöte, Epidemien und politische Aufstände für unvermeidbar. Im 20. Jahrhundert hat der Club of Rome ähnliche Befürchtungen zur Zukunft der Ernährung einer wachsenden Menschheit in seinem 1972 erschienenen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ kundgetan.

Und tatsächlich: In Entwicklungsländern müssen viele Menschen mit sehr wenig Geld und Nahrungsmitteln auskommen. Dennoch sind die düsteren Prognosen in dieser radikalen Form nicht eingetreten. Im Gegenteil: Viele Lebensmittel, die früher als Luxusgüter galten, wie Kaffee, Zucker, Gewürze und exklusive „Kolonialwaren“, kann sich in den Industriestaaten heute fast jeder leisten. Was also ist in den zurückliegenden Jahrzehnten geschehen? Agrarökonom Professor Harald von Witzke von der Berliner Humboldt-Universität gibt Antwort.

„Wir brauchen ertragreichere Pflanzen“: Prof. Harald von Witzke im Interview

Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin
Harald von Witzke arbeitet an der HU Berlin.

Zwischen Schlaraffenland, Nahrung aus der Tube bis zur Hungersnot von Thomas Malthus: Wie präzise nehmen Bücher und Filme die Ernährung der Zukunft vorweg?

„An beiden Seiten ist etwas dran – an der Fiktion der Knappheit und an der Fiktion der Reichhaltigkeit der Nahrung. Wenn man sich die Daten von 1200 bis 1900 ansieht, sind die Agrarpreise, ist die Nahrungsmittelknappheit tendenziell gestiegen. In der Zeit der Ökonomen Thomas Malthus und David Ricardo (18./19. Jahrhundert; Anm. d. Red.) gab es einen besonders starken Preisanstieg. Daraus haben sie geschlossen, dass die Zukunft der Menschheit gekennzeichnet sein müsse von wiederkehrenden Ernährungskrisen, in deren Folge die Anzahl der Menschen abnimmt. Entweder weil sie verhungern, oder weil sie sich umbringen im Kampf um knapper werdende natürliche Ressourcen für die Nahrungsgüterproduktion – nämlich landwirtschaftlich nutzbaren Boden.“

Was ist passiert, dass die Vorhersagen von Malthus und Ricardo nicht eingetreten sind?

„Sie sind letztendlich widerlegt worden durch den Erfolg der Agrarforschung, die die Produktivität der Landwirtschaft immer wieder erhöht hat. Gleichzeitig sind landwirtschaftliche Nutzflächen in der damals sogenannten ‚Neuen Welt‘ hinzugekommen, die erschlossen worden sind. Seither aber hat man die Forschung nicht mehr auf Ertragssteigerung ausgerichtet, sondern auf andere Aspekte wie Widerstandsfähigkeit. Das hat sich nun wieder geändert. Das Problem ist nur: Es dauert mindestens 25 Jahre für größere Innovationen, und so etwas wie eine ‚Grüne Revolution‘ dauert bis zu 50 Jahre – von den Ursprüngen der Investition in die Forschung bis zu den Ertragssteigerungen auf dem Feld der Bauern.“

Fußt die Ernährung der Zukunft auf der Entwicklung neuer Technologien, der Züchtung neuer Pflanzensorten oder auf der Erhöhung der Mikronährgehalte von Grundnahrungspflanzen?

„Auf einer Kombination von allem. Wir brauchen ertragreichere Pflanzen, die das Sonnenlicht besser verarbeiten. Sie müssen mit den Nährstoffen im Boden besser umgehen oder im Wasserverbrauch effizienter werden. Auch die Resistenz der Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge, Hitze, Kälte und Trockenheit ist wichtig.“

Wird die Ernährung von neun Milliarden Menschen auch 2050 gesichert sein?

„Angebot und Nachfrage werden übereinkommen, aber nur zu einem höheren Preis. Denn so schnell können wir die Produktivität nicht steigern, weil wir erst jetzt wieder angefangen haben, stärker in die Forschung zu investieren. Und wenn man sich anschaut, was da so in der Pipeline ist, dann sieht man, dass sich die nächste grüne Revolution noch nicht andeutet. Aber schaffen werden wir das – nur wann, das ist noch nicht absehbar.“

Mit Blick auf die nächsten 30 Jahre: Gibt es Lebensmittel, die für die Ernährung der Zukunft wichtiger werden?

„Fisch wird deutlich wichtiger werden. Und da einzelne Fischarten schon überfischt sind und man Grenzen ziehen muss, um die Ozeane nachhaltig zu nutzen, wird Fish-Farming deutlich zunehmen – gerade in den Entwicklungsländern. Auch Algen haben Potenzial. Was den Fleischkonsum angeht: Dieser wird in den Schwellenländern weiter zunehmen. Bei uns dagegen wird sich nicht so viel verändern.“

Die NASA will ihren Raumfahrern Pizza aus dem 3D-Drucker anbieten, anderenorts gibt es Ideen zu sogenanntem „health food“: Welche Trends für die Ernährung der Zukunft halten Sie für wichtig?

„Ich sehe zwei gegenläufige Entwicklungen. Da gibt es einerseits die Menschen, die gut ausgebildet sind, ein hohes Einkommen haben und sich zunehmend gesünder ernähren. Veganismus wird gegenwärtig sehr stark betont, auch wenn ich noch nicht sehe, dass sich die Menschen in Zukunft komplett ohne tierische Produkte ernähren werden. Die andere Gruppe interessiert sich nicht so sehr für ihre Ernährung und den Ursprung ihrer Lebensmittel.“

Bildrechte: GettyImages, Humboldt-Universität zu Berlin

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