Das Geheimnis der Langlebigkeit

Infografik: Geschmack im Alter
 

Wie verändert sich der Geschmack im Alter? Finden Sie es anhand unserer Infografik (PDF, 0,7 MB) heraus!

 

In den „Blue Zones“ dieser Erde erleben die Einwohner ein sehr hohes Alter, und das auch noch fit und aktiv. Was wir von den gesunden Greisen lernen können und wo unser Einfluss auf ein langes Leben endet – zumindest bisher.

Ikaria ist kein Touristen-Magnet, die Menschen hier bleiben unter sich. Für griechische Verhältnisse bietet die Insel kaum Sehenswürdigkeiten – sieht man von ihren Einwohnern ab: Hier leben auffällig viele hochbetagte Frauen und Männer. Die Inselbewohner werden deutlich älter als der Rest der Griechen – und: Sie bleiben auch deutlich länger gesund.

Kein Wunder, dass die fitten Senioren Forscher und Journalisten rund um den Globus faszinieren. Ikaria ist nicht der einzige Ort auf der Welt, an dem Menschen besonders lange und bis ins hohe Alter aktiv leben. Auch die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica, die japanische Insel Okinawa und Ogliastra, eine abgelegene Bergregion auf Sardinien, zählen zu den sogenannten „Blue Zones“. Deren Einwohner scheinen ein Geheimnis zu kennen, das viele gerne enträtseln würden. Sie scheinen herausgefunden zu haben, worauf es ankommt, um möglichst lang ein möglichst gutes Leben zu führen. Das schürt Begehrlichkeiten auf ein Geheimrezept, vielleicht gar auf konkrete Handlungsanweisungen, deren Befolgung jedem Einzelnen ein gesegnetes Alter garantiert.

Eine Einwohnerin Okinawas freut sich über ihre Ernte
102 Jahre alt ist Giorgos Stamulos auf diesem Bild. Noch ein Jahr zuvor ging der Insulaner seinem Beruf nach und baute Steinmauern.

Eine Antwort vorweg: So einfach ist es nicht. Niemand erlebt nur wegen einzelner Faktoren seinen 100. Geburtstag. Auf den Inseln der Langlebigkeit stimmt das Zusammen-spiel. Ein rundum gesunder Lebensstil zeichnet die Menschen in den Blue Zones aus – die ihren Namen erhielten, weil Wissenschaftler, die das Phänomen auf Sardinien untersuchten, die Region auf einer Landkarte blau einfärbten und sie daher „Blue Zone“ nannten. Eine Bezeichnung, die zum Begriff wurde, wenn es um das Rätsel der Langlebigkeit geht.

Das weltweite Interesse überrascht nicht. Verbesserte Lebensbedingungen haben Hand in Hand mit einem steigenden Gesundheitsbewusstsein die Lebenserwartungen der Menschheit immer weiter in die Höhe getrieben. Diese Entwicklung nährt die Hoffnung darauf, die Gesundheit, das höchste Gut, so lange wie nur möglich kontrollieren und erhalten zu können. Relativ geschlossene Gemeinschaften wie die in den verschiedenen Blue Zones bieten ideale Voraussetzungen, um mehr darüber zu erfahren, wie sich dieses Ziel erreichen lässt.

Heimat der Hundertjährigen

Auch der amerikanische Journalist Dan Buettner wollte der Sache auf den Grund gehen. Nach Ikaria führte ihn die Geschichte eines Greises, dem mit Mitte 60 Krebs diagnostiziert wurde und der mit knapp hundert Jahren immer noch am Leben war und dieses Leben genoss. Seine Ärzte hatte er inzwischen überlebt. Die Geschichte des Alten war zur Inselfolklore geworden, andere alte Männer behaupteten, ihnen sei es ähnlich ergangen. Buettner stieß auf eine Studie griechischer Wissenschaftler, die belegt, dass sich die Bewohner Ikarias tatsächlich durch besondere Langlebigkeit auszeichnen. Buettner hatte zuvor bereits andere Regionen der Welt bereist, die den Ruf haben, besonders viele Hundertjährige zu beherbergen, zum Beispiel das japanische Okinawa. Die Insel sticht selbst in einem Land hervor, dessen Einwohner für ihre hohe Lebenserwartung bekannt sind. Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Krebs, die häufigsten Todesursachen, kommen auf Okinawa so selten vor wie sonst nirgends auf der Welt. Ganze 97 Prozent ihres Lebens verbringen die Bewohner im Schnitt ohne körperliche Behinderungen.

auf dem Tablett werden unter anderem Silbersprotten, japanischer Rettich, Algen, Tapioka und Süßkartoffeln aufgetischt
Die Einwohner Okinawas sind berühmt für ihre Langlebigkeit und ihre Ernährungsgewohnheiten – auf dem Tablett werden unter anderem Silbersprotten, japanischer Rettich, Algen, Tapioka und Süßkartoffeln aufgetischt.

Die schlechte Nachricht: Ein wichtiger Faktor, der für das Glück des hohen Alters verantwortlich ist, ist nicht beeinflussbar: die genetischen Anlagen, mit denen die Menschen geboren werden. „Die Inseln Okinawa und Ikaria und die entlegenen Dörfer Sardiniens haben vermutlich lange abseits der großen Genpools gelegen“, sagt Helmut Heseker, Professor für Ernährungswissenschaft an der Universität Paderborn. Wenn sich in diesen Lagen Menschen mit Langlebigkeits-Genen niederlassen, bleiben sie mehr oder weniger unter sich.

Erbanlagen geben natürlich nicht allein den Ausschlag. „Die Gene bestimmen zwar mit, ob ein Mensch langlebig ist oder nicht, aber eine eindeutige Vorhersage des Lebensalters lässt sich aus ihnen nicht treffen“, sagt Heseker. „Wenn man aber einen vernünftigen Lebensstil pflegt, hat man gute Chancen, die Spanne, die einem genetisch vorgegeben ist, tatsächlich zu erreichen.“ Und genau darin sind die Bewohner der „blauen Zonen“ außergewöhnlich gut.

Über geografische und kulturelle Grenzen hinweg ähnelt sich ihr Lebensstil. Die Alten aus den „blauen Zonen“ sind täglich in Bewegung, gehen viel zu Fuß und verrichten körperliche Arbeiten. Sie pflegen Freundschaften, leben eng mit der Familie zusammen und sind Teil der Dorfgemeinschaft. Sie rauchen nicht, trinken wenig Alkohol, und sie ernähren sich ausgewogen, halten es mit der regionalen Küche, viele bauen ihr Gemüse selbst an. Ein gemeinsamer Nenner beim Essen sind Obst, Gemüse und Vollkorn und der weitgehende Verzicht auf tierische Fette. Außerdem essen sie nur, bis sie satt sind. Maßlosigkeit scheinen sie nicht zu kennen. Darüber hinaus profitieren auch sie davon, in einer Zeit zu leben, in der die medizinische Versorgung so gut ist wie nie zuvor.

Eine Einwohnerin Okinawas freut sich über ihre Ernte
Eine Einwohnerin Okinawas freut sich über ihre Ernte.

Die Wissenschaft erhofft sich darüber hinaus noch weitere Erkenntnisse von ihnen: Hinweise darauf, ob und wie sich bestimmte schlummernde Gene, die die Gesundheit beeinflussen, durch den richtigen Lebensstil aktivieren lassen. Zum Beispiel durch Epigallocatechin-3-Gallat (EGCG), einen Stoff, der in grünem Tee enthalten ist. Er aktiviert ein Gen, das die Entstehung von Krebszellen hemmt.

Dan Buettner hat aus seinen Beobachtungen ein Geschäft gemacht. Er schreibt Bücher und berät amerikanische Kommunen, wie sie selbst zur „Blue Zone“ werden können. Kochbuchautoren haben die „Okinawa-Diät“ und ähnliche Ernährungsregeln für sich entdeckt. Doch hilft das wirklich?

Eine strikte Ernährungsweise allein liefere keine Garantie für ein langes Leben, sagt Ernährungsforscherin Kristina Norman von der Charité in Berlin. „Die Hundertjährigen in Okinawa haben sich ein Leben lang so ernährt“, sagt sie. „Wenn ich jetzt mit meinen 42 Jahren anfange, mich genauso zu ernähren, werde ich nicht automatisch so alt.“ Dem Vorbild der Hundertjährigen zu folgen, hält sie dennoch für eine ausgezeichnete Idee: „Ausgewogene Ernährung, nicht rauchen, natürliche Bewegung – egal, welchen der Aspekte man befolgt, es wird einem sicherlich guttun.“ Und wohin wird das führen? Werden die Menschen eines Tages 150 Jahre alt werden? „Die maximale Lebenserwartung des Menschen liegt irgendwo bei 115 Lebensjahren“, sagt Helmut Heseker. Allerdings könnte die Entwicklung schon vorher ihren Gipfel erreichen. Denn immer mehr Menschen in der westlichen Welt werden immer dicker: Fettleibigkeit wird zur Zivilisationskrankheit, die lebensverkürzend wirken kann. Wie man das vermeidet, kann man auf Ikaria, Okinawa und in Ogliastra lernen.

Auf dem Speisezettel der Hundertjährigen

Die Hochbetagten der Blue Zones essen zwar nicht das Gleiche, aber alle ähnlich gesund: wenig tierische Fette, viel Obst und Gemüse, eher Fisch als Fleisch. Ein Überblick.

  • Okinawa (Japan): Seetang, Kurkuma, Süßkartoffeln, Fisch, Bittermelone, Tofu, Knoblauch, Naturreis, grüner Tee, Shitake-Pilze
  • Ikaria (Griechenland): Olivenöl, Rotwein, Fisch, Mokka, Kräutertee, Honig, Kartoffeln, Kichererbsen, Linsen, geringe Mengen Fleisch und Zucker, außer Ziegenmilch nur wenig Milchprodukte
  • Ogliastra (Italien): Ziegenmilch und Schafskäse (Pecorino), Fladenbrot, Sauerteigbrot und Gerste, Fenchel, dicke Bohnen, Kichererbsen, Tomaten, Mandeln, Rotwein (Grenache)
  • Nicoya (Costa Rica): Bohnen, Mais und Kürbis, Papaya, Yam, Bananen, Pfirsichpalme

Text: Stefan Koch // Bildrechte: Nestlé Deutschland AG, Gianluca Colla/National Geographic Creative, Peter Menzel, David McLain/National Geographic Creative

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