„Jeder muss sich mit der Ernährung der Zukunft beschäftigen“

16. Apr. 2015

Eine Forscherin arbeitet an einem Touchscreen 

Schon immer wollten die Menschen wissen, wie ihre Zukunft aussieht. Und für viele Fragen zur Ernährung kennt die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt die Antwort. Als Vorsitzende des Nestlé Zukunftsforums ist sie maßgeblich an der Erstellung der Studie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“ beteiligt gewesen und spricht im Interview über die Hintergründe. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Für Verbraucher und Industrie sind die Ergebnisse der Untersuchung bereits heute relevant.

Was war die Motivation, die Nestlé Zukunftsstudie durchzuführen?

Renate Schmidt: „Wir Mitglieder des Nestlé Zukunftsforums interessieren uns weniger für die Gegenwart, als vielmehr für die Zukunft. Der demografische Wandel, der Klimawandel und die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen haben Auswirkungen auf den Konsum von Lebensmitteln. Dazu gehört auch die Veränderung des Arbeitslebens mit ihren immer höheren Anforderungen an Mobilität und Flexibilität. Dieser Wandel wird die Herstellung und den Konsum von Lebensmitteln genauso betreffen wie den Handel und die Gastronomie.“

Warum sind die Studienergebnisse bereits heute relevant?

„Alle müssen sich auf die veränderten Bedürfnisse der Verbraucher einstellen, was nicht von heute auf morgen funktionieren wird. Was ich schon verraten darf: Die Verbraucherinnen und Verbraucher der Zukunft sind sehr aufgeklärt und haben hohe Ansprüche. Sie möchten gerne - im wahrsten Sinne des Wortes - wertvolle Lebensmittel kaufen. Diese müssen sowohl für sie selbst einen Wert darstellen, als auch im gesellschaftlichen Kontext wertig, zum Beispiel umweltfreundlich sein.“

Renate Schmidt
Renate Schmidt ist die Vorsitzende des Nestlé Zukunftsforums.

Warum sollte man sich über die Ernährung der Zukunft Gedanken machen?

„Wenn man sieht, dass ein Nudelhersteller damit experimentiert, ob sich Pasta in einem 3-D-Drucker herstellen lässt, so denke ich, dass man sich mit der Ernährung der Zukunft beschäftigen muss. Was kann ich als Produzent oder Händler bereits heute verändern, damit ich auch künftig konkurrenzfähig bin? Und viele Produkte kauft man heute online. Die Konsumenten gehen davon aus, dass dies auch mit Lebensmitteln funktioniert. Doch an die werden andere Ansprüche gestellt.“

Wie kann man selbst beeinflussen, welche Zukunft Realität wird?

„Ich glaube nicht, dass wir das beeinflussen können. Wir erheben mit der Studie auch nicht den Anspruch, dass sie alles zu Einhundert Prozent voraussagt. Die Verbraucherinnen und Verbraucher der Zukunft werden sehr vielschichtig sein. Auch die Politik muss sich überlegen, wie sie auf die anstehenden Veränderungen reagiert. So muss sie verhindern, dass wir alle durchsichtige Bürgerinnen und Bürger werden. Wir Verbraucher sollten weiter unsere Souveränität behalten - keine App auf der Armbanduhr sollte uns vorschreiben, welche Lebensmittel wir zu kaufen haben.“

Welches der fünf ermittelten Szenarien halten Sie für am wahrscheinlichsten? Welche Indikatoren gibt es dafür?

„Ich glaube nicht, dass wir dies beurteilen sollten. Wir haben in einem sehr komplizierten Prozess versucht herauszufinden, was Menschen bewegt - und haben deren Vorstellungen dann in einer repräsentativen Studie bewerten lassen.“

Welches Szenario würden Sie persönlich bevorzugen?

„Mir gefiel das erste Szenario sehr gut, in dem wir uns alle umwelt- und gesundheitsbewusster ernähren.“

Ist ein Auseinanderklaffen der Ernährungstypen erkennbar?

„Bereits heute existieren sehr unterschiedliche Ernährungstypen. Es gibt Menschen, die alle Waren im Bio-Laden kaufen. Sie sind noch eine Minderheit, die jedoch gesellschaftliche Trends vorgibt und wachsen wird. Andere Menschen müssen haushalten und möchten daher möglichst günstig satt werden.“

Inwiefern hängt das Ernährungsverhalten mit soziodemografischen Merkmalen wie Bildung und Einkommen zusammen?

„Wenn sie zu Hause nie erlebt haben, wie eine Speise zubereitet wird, weil ihre Eltern nicht kochen konnten, so werden sie als junger Mensch nicht damit beginnen. Wenn Sie nicht wissen, dass es gesünder ist, sich von frischem Obst und Gemüse zu ernähren, als auf Konserven zuzugreifen - wie sollen sie dieses Verhalten in ihren Alltag integrieren?“

Noch eine persönliche Frage: Was haben Sie heute gegessen?

„Zum Frühstück gab es reines Roggenbrot, dazu Frischkäse, Tomaten und Gurken mit einem halben Apfel und grünen Tee. Mittags gab es geschmortes Kalbsbäckchen und einen Salat. Übrigens: Das Einzige, was mir nicht schmeckt, ist Quittengelee.“

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