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Kaffee „Grown Respectfully“ in Kolumbien

Der persönliche Eindruck einer NGO-Präsidentin über unsere Aktivitäten des Nescafé Plans
Marion Hammerl zerteilt eine Kaffeekirsche in ihrer Hand
Lesezeit:
7
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Darrell High  

Von Marion Hammerl, Präsidentin des Global Nature Funds und Geschäftsführerin der Bodenseestiftung

Eigentlich wusste ich es ja schon! Aber es war gut und beeindruckend nochmals vor Ort zu sehen, wieviel Arbeit in einer Tasse Kaffee steckt: vom Samen über den Setzling bis zur geschälten und gerösteten Kaffeebohne. 20 - 22 Bohnen werden zu fünf Gramm gemahlenem Kaffee, dem Inhalt einer Tasse Kaffee – von denen ich morgens mindestens zwei zum Frühstück trinke.

Was ist der Nescafé Plan?

Der Nescafé Plan in Kolumbien läuft seit 2009. Über 12.000 Kleinbauern sind involviert. 55 Millionen Setzlinge wurden bislang verteilt, um 6.800 Hektar Kaffee-Kulturen zu verjüngen. Weltweit ist der Nescafé Plan in 50 Ländern aktiv.

Es geht in erster Linie um die Verbesserung der Produktivität und Qualität, die Hauptziele des Nescafé Plan. Nach sechs Monaten sind die Setzlinge soweit. Gut durchwurzelt und mit sieben Blättern sind sie bereit, um gepflanzt zu werden. Über 2 Millionen Setzlinge der Kaffeesorte Castillo plus Dünger werden aktuell kostenlos an rund 2.700 Cafeteros in der Region Risaralda verteilt, das sind ca. 12 % der Kaffeebauern. Diese Region habe ich mit einer bunt gemischten Gruppe auf Einladung von Nestlé Deutschland und Nescafé Kolumbien besucht. Die Verjüngung der Kaffeebäume ist wichtig, um die Produktion zu erhöhen. Kaffeekirschen können ab dem zweiten Jahr geerntet werden; die Bäume erreichen dann in fünf Jahren ihre Höchstleistung. Danach nimmt die Ernte ab. Neu pflanzen ist eine Möglichkeit, die Erträge zu erhöhen. Andere Kaffeebauern setzen auf radikales Zurückschneiden und behalten ihre Kaffeebäume bis zu 40 Jahre in der Produktion. Außer der Verteilung der Setzlinge, werden die Kaffeebauern von der Federación Nacional de Cafeteros (FNC) in verbesserten Anbaupraktiken und bei der weiteren Verarbeitung der Bohnen beraten. FNC ist ein langjähriger Kooperationspartner von Nestlé und genießt bei den Kaffeebauern großes Ansehen. Der Verband vertritt 541.000 Cafeteros, davon 96 % mit weniger als 5 Hektar Anbaufläche. In den Gremien des FNC steigt der Anteil an Frauen langsam aber stetig. Aktuell sind es ca. 25 % auf der Gemeindeebene.

Vier von ihnen lernen wir in der Gemeinde Celia kennen. Sie gehören zur AMCE Café, Asociacion de Mujeres Celianesas Cafeteras, in der sich aktuell 36 Kaffeebäuerinnen zusammengeschlossen haben. 36 von etwa 360 Frauen – es gibt also noch Luft nach oben. Sie haben vom Nescafé Plan in Bezug auf Setzlinge und Fortbildung profitiert und stellen heute Kaffee von guter Qualität her.

2009 wurden zwei historische Hindernisse für Bäuerinnen überwunden: Die Anerkennung des Landbesitzes von Frauen und der Zugang zu Ressourcen. Sol gehört auch zu AMCE Café - stolze Cafecultera und alleinerziehende Mutter. Die Arbeit ist hart und beginnt morgens um 5 bis abends spät. Solange wird sie von ihrem 13-jährigen Sohn unterstützt, der nur zwei Tage in der Woche in die Schule geht, um den Rest der Woche seiner Mutter zu helfen. Sie wünscht sich für die Zukunft einen Silo, um die Bohnen zu trocknen und ein fertiges Haus. Es fehlt noch an vielem, z.B. eine funktionierende Krankenversicherung und – versorgung oder ein Centro de Acopio - ein zentrales Lager - und die Möglichkeit, den Kaffee zu exportieren. Die Nachricht an Nescafé ist klar: Der Kaffee ist da, er ist von guter Qualität .... kauft ihn!

Kaffeebohnen in einer Hand

Auch die jungen Kaffeebauern wollen, dass sich die Kommerzialisierung verbessert. Zwar garantiert FNC den Mitgliedern, dass ihre Ernte abgekauft wird, aber gute Qualität wird nicht genügend durch den Preis honoriert. Die Kosten werden gedeckt - aber es reicht nicht, um zu investieren oder sich etwas zurückzulegen. Sorgen macht den Kaffeebauern auch der Klimawandel und seine Folgen. Früher gab es die extreme Trockenheit von El Niño und die starken Regenfälle von La Niña alle acht Jahre, heute wechseln sich beide fast jedes Jahr ab. Die Kaffeebauern wollen dem mit resistenteren Sorten und verbesserten Anbaupraktiken begegnen. In Kolumbien hat Nestlé das Forschungszentrum des FNC bei der Entwicklung der Sorte Ceni-Café1 unterstützt, resistent gegen längere Trockenheit und gegen die Roya, eine Pilzerkrankung.

Nach vier Tagen habe ich viel über Kaffee in Kolumbien gelernt – unter anderem, dass er Teil der Kultur dieses Landes ist. Der Nescafé Plan wird von allen hochgelobt und Nestlé hat damit einen wichtigen Beitrag geleistet, um den Kaffeesektor nach der dramatischen Trockenheit durch El Niño Ende der 90iger Jahre wieder aufzubauen. Aber der Plan muss sich weiterentwickeln und Nestlé sollte sich Ziele setzen, die über die Verbesserung der Produktivität und der Qualität hinausgehen.

Aktuell kauft Nescafé den Kaffee landesweit und nur über Mittler – entscheidend ist der Preis. Mit der Schaffung von direkten Lieferketten zwischen Nescafé und Kaffeebauern, könnte Nestlé Transparenz bis zum Anbau schaffen und eine gute Qualität durch einen angemessenen Preis honorieren. Besondere Editionen könnten aufgebaut werden, z.B. Kaffee von Frauenkooperativen oder Kaffee, der besonders biodiversitätsfreundlich angebaut wurde. Dann könnte Nescafé eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Verbrauchern herstellen und den Mehrwert des Nescafé Plan konkret und überprüfbar darstellen!

Auch beim Schutz der Biologischen Vielfalt sehe ich großen Nachholbedarf. Kolumbien ist nach Brasilien das zweite „mega-diverse“ Land weltweit – ein Hotspot der Biodiversität. Der 4C-Kaffee-Standard als Grundlage des Nescafé Plans ist keine anspruchsvolle Nachhaltigkeitszertifizierung. Nur wenige Kaffeebauern sind Rainforest Alliance oder Fairtrade zertifiziert. Zwar setzt der Plan zukünftig verstärkt auf den Schutz der Wasserressourcen – gut und wichtig, aber der Schutz der Ökosysteme und der Biodiversität im Boden haben bislang noch keine Priorität. Das muss sich dringend ändern, denn Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität zahlen auf die Anpassung an den Klimawandel ein! 

Eine grüne Kaffeepflanze mit einem Haus im Hintergrund

Wie das gehen kann, zeigt eindrücklich die Finca Santa Clara – unsere letzte Station auf der Reise. Die gut 350 Hektar große Kaffeefinca der Geschwister Johana und Alejandro beteiligt sich an einem Pilotprojekt von Rainforest Alliance, Bodensee-Stiftung, Fundación Humedales und Expo-Café. Es geht um den verbesserten Schutz der biologischen Vielfalt – unterstützt durch die Anwendung des Biodiversity Performance Tool und die Umsetzung eines Aktionsplans. Die Geschwister haben in nur einem Jahr Maßnahmen umgesetzt wie das Mulchen des Bodens anstatt Einsatz von Glyphosat oder die Konstruktion von sieben „Filtros Verdes“ (einfache Pflanzenkläranlagen), zur Behandlung der Abwässer der Arbeiterunterkünfte. Besonders stolz sind sie auf den Schutz aller 20 Wasserquellen auf der Finca und der Verknüpfung aller natürlichen Habitate mittels Biotop-Korridoren. Damit hat Santa Clara den Anteil der natürlichen Lebensräume von 8 % auf 17,65 % (= knapp 60 Hektar) erhöht und erfüllt die Kriterien des neuen Rainforest Alliance Standard (mindestens 15 % natürliche Vegetation auf der Finca). Überhaupt ist die Finca ein Vorzeigebetrieb: Fairtrade und RA-Zertifizierung, neue Technologie zur Bearbeitung der Kaffeebohnen, die mit einem Minimum an Wasser auskommt und die Abwässer aus dem Prozess in einem sogenannten Biodigestor in Methan umwandelt, um damit den Ofen in einer der Arbeiterunterkünfte zu heizen. Die rund 1.000 Arbeiter gehören zu einer indigenen Minderheit und erhalten auf der Finca angemessenen Lohn und Unterkunft.

Marion Hammerl und Global Nature Fund Mitarbeiter

Santa Clara produziert überwiegend Premium oder sogar Supremo-Qualität und könnte sich gut vorstellen mit Nestlé ins Geschäft zu kommen, um die Edition „Kaffee aus biologischer und kultureller Vielfalt“ auf den Markt zu bringen. So könnte die Zukunft aussehen – für Nestlé und die Cafeteros in Kolumbien!

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