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30. Nov 2017

„Exotisches wird fast nie ausprobiert“

Kulturwissenschaftlerin Sarina Hadas, Foro: privat

Rund 40 Prozent aller Alleinerziehenden, etwa 920.000 Frauen in Deutschland, beziehen Hartz IV. Ein Großteil davon, suggerieren TV-Unterhaltungsformate, sei übergewichtig und wüsste nicht, welche Nahrungsmittel gesund sind. Mit diesen Vorurteilen räumt die Regensburger Kulturwissenschaftlerin Sarina Hadas in ihrer Forschungsarbeit jetzt auf.

Dass Hartz-IV-Empfänger eine eigenwillige Meinung zum Thema gesunde Ernährung haben, ist ein in deutschen TV-Nachmittagssendungen gerne gezeigtes Klischee mit zweifelhafter Grundlage. Denn was in strukturschwachen Familien wirklich auf dem Tisch landet, ist bis bislang nicht wissenschaftlich erforscht worden. Die Kulturwissenschaftlerin Sarina Hadas hat das nun geändert. In ihrer Masterarbeit nahm sie erstmals das Essverhalten alleinerziehender Hartz-IV-Empfängerinnen unter die Lupe – mit überraschenden Ergebnissen.

Frau Hadas, was landet bei Hartz-IV-Alleinerziehenden typischerweise im Einkaufswagen, respektive der Pfanne?

Es gibt zwei Hauptkriterien: Es muss satt machen und es muss gut schmecken. Und natürlich preiswert sein. Regionalität, Gesundheit, oder Tierwohl spielen je eine untergeordnete Rolle.

Eines der Grundmythen, die man über Hartz-IV-Empfängerinnen hört ist, dass diese gar nicht wissen, was gesund ist. Was ist da dran?

Nein, das stimmt so nicht. Die Frauen, die ich interviewt habe, wissen sehr wohl, was als gesund gilt, nämlich Obst und Gemüse. Allerdings ist die Auffassung der Mütter davon, was gesund ist und was nicht, etwas breiter gefasst. So gelten auch frittiertes Gemüse oder gezuckerte Fruchtjogurts noch als gesund. Auf der anderen Seite ist Salat für sich keine Hauptmahlzeit, wie es in anderen Familien üblich sein kann. Geschmack und Sättigung spielen wichtigere Rollen als der Gesundheitsaspekt.

Wie haben Sie diese ganzen Erkenntnisse gewonnen? Haben Sie die Frauen beim Einkaufen und Kochen begleitet?

Nein, ich habe qualitative Tiefeninterviews mit alleinerziehenden Müttern geführt, die von Hartz-IV leben. Das ist eine Art Tiefenbohrung, allerdings nicht repräsentativ. In der Kulturwissenschaft ist es aber üblich, mit wenigen Fällen zu arbeiten, diese aber intensiver zu beleuchten. Mit den Tiefeninterviews können Motive und Zusammenhänge erschlossen werden, die auch über die Fälle hinaus Bedeutung haben. Beispielsweise, warum gewisse Lebensmittel von den Alleinerziehenden bevorzugt gekauft werden und andere nicht.

Die Alleinerziehenden mit einem Kind haben, wenn das Kind älter ist als sieben Jahre, etwa 4,40 pro Person für Mahlzeiten zur Verfügung – am Tag. Das ist sehr wenig. Wie gehen die Frauen damit um?

Sie sind sehr preisbewusst und haben klare Strukturen beim Einkauf. Sie wissen genau, wo der Feldsalat wie viel kostet – egal, ob es nur um 20 Cent Unterschied geht. Auch Angebote werden genau studiert – und einige Luxusartikel wie Markencola nur dann gekauft, wenn sie reduziert sind. Die Frauen beschäftigen sich also schon sehr stark mit den Preisen. Allerdings ist auch Wohnortnähe des Supermarkts wichtig. Wenn der Edeka am nächsten ist, wird auch dort eingekauft.

Nehmen die Frauen das wenige Geld für Essen als problematisch wahr?

Das habe ich die Frauen auch gefragt. Zunächst haben die Frauen das mir gegenüber verneint und erklärt, sie bräuchten nicht mehr, und dass es nicht so wichtig sei für ihren Speiseplan. Allerdings ist das nichts, was man gerne einräumt, das wissen wir aus der Forschung. Im Verlauf des Interviews wurde dann auch deutlich, dass das Leben mit Hartz-IV den Frauen schon nicht immer leichtfällt.

Sie haben auch die Rolle der Essenstrends vegan, vegetarisch und bio erforscht. Welche Rolle spielen sie für die Frauen?

Die haben kaum Bedeutung. Eine der Befragten hat schon ihre große Abneigung zum Vegetarismus klar deutlich gemacht. Sie sagte: „Es ist das Leben, fressen um gefressen zu werden“, eine sehr deutliche Aussage. Da wusste ich, dass ich sie gar nicht mehr nach veganem Essen fragen muss. Fleisch spielt insgesamt eine bedeutende Rolle im Speiseplan der von mir befragten alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängerinnen.

Ist das nicht ein Widerspruch, sehr wenig Einkommen zur Verfügung zu haben und dann Fleisch zu kaufen? Fleisch ist nicht gerade günstig.

Nicht unbedingt. Es wird zu Billigangeboten gegriffen, die nicht viel teurer als Obst und Gemüse sind. Nicht das Rindfleischsteak, sondern das Hackfleisch für 50 Cent für hundert Gramm wird gekauft. Der Grund ist, dass die Frauen Fleisch stark mit positiven Aspekten der eigenen Kindheit verbinden. Da war Fleisch etwas Besonders und hat die Mahlzeit gekrönt. Fleisch besitzt zudem die besonders wichtigen Eigenschaften Sättigung und Geschmack.

Wie würden Sie dann den Speiseplan insgesamt charakterisieren?

Es lässt sich ein gewisser Geschmackskonservatismus beobachten. Auch Tradition ist sehr wichtig. Rezepte, die sie schon von ihrer eigenen Familie kennen, werden bevorzugt zubereitet. Die sind oft deftig, fleischhaltig. Das vermittelt Sicherheit und Orientierung in ihrer unsicheren Welt.

Das 21. Jahrhundert wird auch gerne als experimentierfreudig, was die Küche angeht, charakterisiert. Trifft das für diese Frauen auch zu?

Nein, es wird fast nie Neues oder Exotisches ausprobiert. Es gibt zudem strenge Routinen für die einzelnen Gerichte – es muss immer exakt gleich gekocht werden. Beispielsweise der Nudelsalat, der immer mit Erbsen auf den Tisch kommen muss. Auch das schafft eben Halt und vereinfacht den Alltag.

In Reality-Fernsehsendungen begegnen wir Personen, deren größte Leidenschaft Chips und Süßigkeiten zu sein scheinen. Haben Sie das auch erlebt?

Für die Kinder war es in der einen Familie laut Eigenaussage stark reglementiert. Aber hier kann es sein, dass die Befragten geantwortet haben, was sie in ein besseres Licht rückt. Allerdings würde ich keinen deutlichen Unterschied herausarbeiten zwischen meinen Befragten und Personen, die besser verdienen. Da ist die Varianz in der gesamten Gesellschaft sehr groß. Es gibt auch in Akademikerhaushalten Familien, die sehr restriktiv umgehen mit Süßem, und andere, in denen die Süßigkeitenschublade immer offensteht.

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